Aus Freude am Tanzen- das Ende der Sperrstunde

Am Anfang stand die Aufregung über die Durchsetzung der Sperrstunde beim Institut für Zukunft. Eigentlich ein Anachronismus. Die Sperrstunde, geregelt im sächsGastG, regelt das gastronomische Einrichtungen und Vergnügungsstätten zwischen 5-6 Uhr geschlossen haben müssen. Früher einmal diente es der Sicherung der Nachtruhe, heute ist es nur noch eine Putzstunde. Eigentlich hatte Leipzig damit geworben, dass es keine Sperrstunde hier gibt aber das Gesetz sah etwas anderes vor.

Was folgte waren lange Diskussionen, eine Petition mit mehr als 8000 Unterschriften, unterstützt aus der kompletten Clubszene bis hin zur Dehoga, eine Stellungnahme von der LiveKomm und der Dehoga sowie der beauftragten Rechtsanwaltskanzlei und ein einhelliger Ratsbeschluss, der die Verwaltung verpflichtet eine Verordnung aufzustellen um eine Ausnahmeregelung zu schaffen. Eine Öffnungsklausel, die im Gesetz ausdrücklich vorhanden ist. Die kommunale Möglichkeit ein landesweites Gesetz aufgrund des besonderes Bedarfes zu umgehen.

Und jetzt liegt der Entwurf der Stadtverwaltung vor, die sich viel Mühe gegeben hat das Anliegen zu verstehen und nachzuvollziehen.

Der Verwaltungsvorschlag enthält Sätze, die zwar ohne Stellungnahmen von Clubs, Rechtsanwaltskanzlei und Dehoga so nicht entstanden wären, die aber an dieser Stelle zur Leitlinie werden.

Sätze voller Schönheit, die festhalten Clubkultur ist Kultur, ist ein Erlebnis und nicht nur das schnöde abspielen von Musik. Sätze, die den Clubs in Leipzig endlich die Anerkennung verschaffen, die sie verdienen.

… Künstlerische DJ´s und Liveacts benötigen zu ihrer Entfaltung eine gewisse Auftrittszeit, die in der Regel mindestens drei Stunden beträgt.

Künstler erzählen am Abend ihre ganz eigene Geschichte, ihr Mittel ist das nicht das Wort sondern die Musik. Und die Geschichten haben Höhen, Tiefen und Spannungsbögen, Energien die Liebhabern klassischer Musik auch bekannt sind. Durch eine entsprechende Planung der Lineups werden diese einzelnen Geschichten der Künstler über den Abend miteinander verwoben, wodurch der Gast am Ende ein für jeden Abend einzigartiges Erlebnis haben kann.

Aus diesem Grund dauert ein Clubevent – soll er künstlerisch wertvoll sein – mindestens in der Regel 8 bis 10 Stunden.

Mit der DJ-Kultur und dem Mixen von Musikstücken, dem Verweben der Töne miteinander, gibt es keine Pausen mehr. Der Gast kann sich in die Musik hineinbegeben und über Stunden zum Teil tiefe kontemplative Erfahrungen erleben. Das Gefühl, ganz in der Musik zu sein, die Gedanken und die Welt hinter sich lassen zu können, bedarf einer gewissen Ungestörtheit und der Möglichkeit, sich über die Zeit hinweg zeigen zu können. Auch das ist ein Grund dafür, warum Clubevents so viel länger als normale Konzerte dauern.

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Internet und Social Media, die globale Vernetzung und die ständige Verfügbarkeit von Informationen und der Möglichkeit, mit anderen Menschen jederzeit in Kontakt zu treten, haben unsere Gesellschaft seit den 90er Jahren radikal verändert. Alles soll zu jeder Zeit verfügbar sein, die Entwicklung zur 24/7 Gesellschaft scheint unaufhaltsam. Städte die nie schlafen wie New York, London oder Berlin sind ein Beispiel, was eine moderne Metropole im 21. Jahrhundert ausmacht – Lebendigkeit und die Freiheit ihrer Bewohner, zu jeder Zeit alles tun zu können.

Leipzig hat sich seit der Wende ebenso rasant entwickelt – von Hypezig ist auch manchmal die Rede. So hat sich auch hier in großen Teilen speziell der jüngeren Bevölkerung der Bedarf an einem Nachtleben, das nicht um eine bestimmte Uhrzeit enden muss, entwickelt. Eine Vielzahl an Clubs, die diese Bedürfnisse erfüllen, sind ein Beleg für diesen Bedarf.

Neben Leipzigern sind es aber auch sehr viele internationale und deutsche Gäste außerhalb Leipzigs, die diese lebendige Subkultur sehr schätzen und regelmäßig Besucher der Clubs sind.

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Am 22.08. wird der Stadtrat tagen. Dann steht die neue Verordnung auf der Tagesordnung und dann wird die Sperrstunde aller Voraussicht nach in Leipzig aufgehoben und Leipzig wird Vorreiter.

Und wir, die wir dafür gekämpft und gearbeitet haben, wir tun das, was legitim und nötig ist wir werden feiern – das Ende der Sperrstunde, die Freiheit, aus Freude am Tanzen.

Und deswegen wird es aller Voraussicht nach an diesem Tage, einem Mittwoch, auch die Möglichkeit geben im Rahmen eines kleinen Umzugs durch die Stadt zu tanzen.

Es ist ein Gewinn für die Stadt und für die Kultur und es ist ein Sieg, all derjenigen, die in den letzten Wochen und Monaten dafür gekämpft haben und mit ihrer Unterschrift dazu beigetragen haben, öffentlichen Druck zu entwickeln.

Ihr habt es geschafft.

 

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Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler