Nachdenken über Wohnraum

Immer mehr Menschen in den urbanen Großräumen sind von Mietsteigerungen betroffen. Immer mehr bezahlbarer Wohnraum fehlt.

Nachrichten, die irgendwie sachlich klingen, schwer vorstellbar was es bedeutet. So wunderbar abstrakt, dass das einzelne Leben, der einzelne Mensch, das einzelne Schicksal dahinter verschwindet.

Was es bedeutet, für diejenigen die Betroffen sind. Die eben noch in einem Haus lebten und wissen, dass sie die Miete bald nicht mehr bezahlen können oder die Kündigung bereits erhalten haben.
Was es bedeutet, ist unabhängig von der Frage, ob es rechtlich erlaubt ist, nachzuspüren.
Denn allein die Unsicherheit darüber was ein Gericht entscheidet über den Wohnraum, über meine 4- Wände, ist eine enorme psychische Belastung.

Klar kann man darüber diskutieren, dass alles kein Problem wäre wenn das Realeinkommen gleichmäßig mitwachsen würde – tut es aber nicht.

Immer wieder gibt es Fälle, wo Vermieter versuchen Tatsachen zu schaffen, unabhängig von der Frage was sie dürfen. Eine Modernisierungsankündigung kam, alle widersprachen, die ersten Prozesse sind gewonnen und trotzdem will der Eigentümer jetzt das Gerüst hochziehen.

Nein, nicht alle Vermieter kämpfen mit unfairen Mitteln aber einige tun es. Und es sind diese Punkte, die völlig vergessen werden in der Debatte – Entmietung trifft Menschen.

Mieter*innen erhalten eine fristlose Kündigung, weil sie die Miete wegen Mängeln gemindert haben. Selbst wenn sie Recht bekommen, müssen sie die Unsicherheit überstehen, irgendwie klar kommen. Und ich habe es nicht nur einmal erlebt, dass Vermieter trotz anstehender gerichtlicher Niederlage angekündigt haben die nächste Klage einzureichen, so lange bis die Mieter*innen kaputt sind, nicht mehr können und aufgeben.

Ja, das klingt vielleicht dramatisch und nein es nicht alle Vermieter so und ja es gibt auch Mietnomaden – eine Geschichte hat immer zwei Seiten. Aber jeder Fall, jede Wohnungsräumung ist ein Schicksal und jede Räumung ist dramatisch.

Immer mehr Menschen sind davon betroffen. Das Thema bezahlbarer Wohnraum schafft Unfrieden und spaltet – es trennt die Reichen von den Armen und schafft eine Ghettoisierung.

Eine Familie abhängig von Leistungen des Staates, ein Euphemismus für Hartz IV, bekommt eine fristlose Kündigung weil sie zu wenig Miete gezahlt hat, da sie das Geld zwischendurch gebraucht haben um eine Waschmaschine reparieren zu lassen und das Amt die Zusatzkosten nicht übernommen hat.
Sind Menschen, die weil sie entweder krank sind oder Langzeitarbeitslos (allein dieses Merkmal schließt sie aus) oder einfach Pech hatten immer selber schuld? Ist es wirklich so einfach? Und können wir uns wirklich anmaßen über andere Menschen, die anders leben, vielleicht weniger Glück hatten oder einfach nur Pech, zu urteilen?

Sind diejenigen, die in schlecht sanierten Wohnungen für wenig Miete leben, zum Teil selber aufgebaut und die jetzt einfach wohnen bleiben möchten – wirklich naiv oder Spinner, wie es einige unterstellen? Ist der Traum von Selbstbestimmung wirklich so utopisch, dass viele bei alternativen Wohnformen, Wagenplätzen, Syndikaten, Wohn- und Hausprojekten nur den Kopf schütteln?

Wer dafür zuständig ist? Für Wohnraum? Zum Beispiel der Innenminister.
Aber in Berlin redet man lieber über geflüchtete Menschen, die man im Mittelmeer krepieren lässt und schwenkt hart auf Rechts. Die Gesellschaft driftet auseinander und Sündenböcke werden aufgebaut – die Schwächsten sind schuld. War immer so. Gib den Menschen, einfache Antworten und etwas wo sie sich ablenken können – ein bisschen Brot und Spiele eben.

In Sachsen meint der Landwirtschaftsminister, das es doch besser sei den ländlichen Raum besser anzuschließen statt billigen Wohnraum in den Städten zu fördern. Ich lache hart.
Dass immer mehr Bahnstrecken eingestellt werden, Regionen nicht mehr zu erreichen sind und daneben auch die kulturelle und soziale Infratstruktur brachliegt, verrät er lieber nicht, ebenso wenig das die Mittel des Bundes für den Schienenpersonennahverkehr in Sachsen zum Teil zweckentfremdet werden. Aber das ist ja auch zu komplex. Wer will das schon hören?

Und dann gibt es Grundstücke, die liegen jahrelang bloß, obwohl gebaut werden könnte oder Häuser, die leerstehen obwohl sie bewohnt sein könnten – einfach weil Grundstücksspekulationen einträglich sind.

Und ihr regt euch wirklich darüber auf, dass irgendwo eine neue Fassade, hinter der Menschen zu Mietpreisen wohnen, die die meisten nicht zahlen können, beschmiert werden?

Versteht ihr wirklich nicht, woher all die Wut kommt? Nein, ich kann und will Gewalt gegen Sachen nicht rechtfertigen. Aber ich kann verstehen warum es geschieht und woher es kommt.

Und es wird niemanden geben, der euch oder irgendjemand davon erlöst.
Wenn wir eine solidarische Gesellschaft wollen, dann müssen wir selber beginnen so zu denken, zu fühlen, zu handeln – im gegenseitigen Respekt, der Unterstützung und Solidarität.

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Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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