Neonazismus in Chemnitz und der Fußball

Die Fakten:
Bei einem Spiel der Regionalliga Nordost zwischen dem Chemnitzer FC und Altglienicke am Wochenende gab es eine Schweigeminute für einen toten „Fan“. Dazu wurde von Seiten der Fankurve Pyrotechnik eingesetzt und die Kurve erschien in schwarz. Nach einem Torjubel liess sich der Torschützer von einem Offiziellen ein T-Shirt übergeben, welches er hochhielt. Auf dem Shirt stand: „support your local hools“. Teile der Fanszene hatten das Shirt verkauft um Spenden für den Verstorbenen zu sammeln. Ein Jugendtrainer des Chemnitzer FC bezeichnete den Verstorbenen als „Leitfigur“. Auch die Fanbeauftragte des Vereins und SPD Stadträtin kondolierte und sprach von einem stets „fairen“ und „unpolitischen“ Umgang.
Bei dem Toten handelt es sich um den Gründer von „HooNaRa“ („Hooligans, Nazis und Rassisten“), eine Fangruppierung, die ihre Motivation im Namen trug und die 2007 aufgelöst wurde, um einen Verbot aus dem Weg zu gehen. Auch danach war die Gruppierung allerdings noch aktiv. Aus dem Umfeld dieser Gruppierung rekrutierte sich das Unterstützerumfeld des NSU. Eine weitere eng mit der Gruppe verworbene Fangruppierung nennt sich „New Society“ oder in der Kurzfassung „NS“. Das Kürzel ist nicht zufällig. Starke Bezüge zum Nationalsozialismus sind offensichtlich. Ebenfalls aus der Chemnitzer Fanszene heraus wurden die ersten, eskalierenden Demonstrationen, nach dem Tod von Daniel H., organisiert, die Ende August die Stadt in Unruhe versetzten. In Folge dieser Ereignisse stieg auch die Anzahl von rassistischen Straftaten exponentiell an.
Die Folgen:
Absehbar gab es einen Sturm der Empörung über das Geschehen in Chemnitz. Die SPD Stadträtin, die zunächst kondoliert hatte, löschte den Beitrag wieder. Der SPD Unterbezirk distanzierte sich.
Der Spieler, der das Shirt hochgehalten hatte, erklärte danach er habe nichts von dem Hintergrund gewußt und der Spruch hätte für ihn eine andere Bedeutung. Er wurde mit einer Strafe belegt.
Der Verein gab zunächst an, dass die Schweigeminute in den Sicherheitsberatungen abgesprochen gewesen sei und man nur dem Bedürfnis nach kollektiver Trauer Rechnung tragen wollte, ohne sich dem Lebensinhalt des Toten zu eigen zu machen. Dieser Darstellung widersprach in Teilen die Polizei, die geltend machte „massive Sicherheitsbedenken im Vorfeld geäußert“ zu haben, aber keine Möglichkeit für ein „Verbot“ hatte.
Inzwischen hat der Verein Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, da der Ablauf anders gewesen sei als geplant. Mitarbeiter berichten sie seien mit der Androhung von Ausschreitungen unter Druck gesetzt worden.
Die Debatte:
Der Umgang mit dem Geschehen ist beschämend. Fußballspieler, die nichts gewusst haben wollen, ein Verein der keine klare Linie findet und Verbände, die das Problem am liebsten verdrängen wollen.
Eines passt an dieser Stelle nicht: Die Schlagzeile: Osten, Neonazis, Fußball. Der Chemnitzer FC ist einschlägig für eine in Teilen neonazistische Fanszene bekannt und das spätestens seit Ende der 90er Jahre. Das Neonazis und Rechte versuchen die Fußballkurven zu unterwandern und als Rekrutierungsfeld zu nutzen, sollte ebenfalls seit Ende der 90er Jahre bekannt sein. Das ist nicht neu und nicht ostspezifisch. Der hilflose Umgang damit ist allerdings schon charakteristisch.
Dabei bringt es nichts die betroffenen Vereine zu schmähen. Richtig ist, dass Fußball- und Sportvereine alleine nicht in der Lage sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Sie tragen aber eine besondere Verantwortung. Vereine, Sportvereine, in denen Kinder- und Jugendarbeit stattfindet sollen auch die Grundwerte der Demokratie wie Respekt und Tolleranz vermitteln und dafür eintreten. Entsprechend fordert auch der DFB eine klare Haltung gegenüber Rassismus.
Die häufig bemühte Floskel, dass Politik und Sport zu trennen seien, ist a-historischer Unsinn und im aktuellen Kontext ein Chiffre für den Unwillen sich gesellschaftlichen Probleme zu stellen, die es auch im Sport gibt. Die Gleichheit aller Menschen und damit Anti-Rassismus ist die Grundlage unserer Gesellschaft, die überall Geltung erlangt auch im Sport und gerade da.
Aber diese Floskel dient eben immer auch zur Entschuldigung.
Was nicht hilft sind jetzt hilflose Wortmeldungen und beim nächsten Spiel nett gemeinte Banner, die zeigen, dass man doch woanders steht.
Nein, was hilft wäre eine klare Haltung der betroffenen Vereine, wäre eine Fansozialarbeit, finanziell gefördert von den Ländern, die sich des Problems annimmt. Aber dazu brauch es eben auch Verbände, die das Problem als solches erkennen und im Rahmen eines Konzeptes handeln. Gerade beim Sächsischen Fußballverband und dem Nordostdeutschen Fußballverband ist dies aber nicht der Fall.
Sowohl SFV als auch der NOFV gehören im Zweifelsfall eher zu denen, die sich auf die Linie „Politik und Sport “ trennen zurückziehen und es bei Ankündigungen belassen.
Es ist am Ende zu befürchten, dass man aus dem Geschehen abermals nichts lernen wird. Der Verein wird mit einer Strafe belegt. Der eingesetzte Spieler ebenfalls. Ein Vorstandsmitglied ist zurückgetreten. Irgendwann wird man sicherlich wieder ein paar Floskeln bemühen, dass man doch „bunt“ sei und sich von rechten Gedankengut distanzieren. Das Problem in den Fankurven dieses Landes, wie auch das Probleme mit einer in der Mitte der Gesellschaft verankerten Menschenfeindlichkeit wird man damit aber freilich nicht lösen können. Denn dann müsste auch die Politik sich des Problems annehmen und endlich klar handeln.
Aber das wäre dann auch ein bisschen viel verlangt. Jedenfalls in Sachsen.

 

Update: 11.03.: 15:28. Der Verein hat inzwischen auch die Fanbeauftragte und den Stadionsprecher entlassen.

 

Beitragsbild: Grüne Jugend Chemnitz

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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