Chemnitzer FC – Nazis, Fußball, Ostdeutschland.

Am letzten Wochenende kam es im Rahmen eines Spiels in der 4.Liga zu einem Eklat. Im Stadion des Chemnitzer FC wurde einem organisierten Neonazi und Hooligan gedacht. Die Wellen der Erregung schlugen bundesweit hoch.

Zeit für ein kleines Update.

Pressekonferenz:
Am gestrigen Tage veranstaltete der CFC eine Pressekonferenz. Die Wesentlichkeiten kann man auf Twitter bei MDR Sport im Osten nachlesen. Der CFC stellt jedenfalls fest, dass er, also der Verein unschuldig ist. Verantwortlich sei der Veranstaltungsleiter. Dies ist der Geschäftsführer, der kurz nach den Vorkomnissen von allen Ämtern zurücktrat inzwischen aber wieder kommissarisch im Amt ist. Der Insolvenzverwalter meint, dass der Leiter der Geschäftsstelle quasi dazu genötigt worden sei – also zur Trauerfeier.

Entgegen der Behauptungen, die gestern verbreitet wurden, legte Tag 24 einen Artikel vor, aus dem hervorgeht, dass im Vorfeld sehr wohl über die Trauerfeier gesprochen wurde. Danach entsteht nicht der Eindruck, dass irgendjemand genötigt worden sei, vielmehr habe man sich sogar auf die Kritik vorbereitet..

Die gestern verbreitete Erklärung widerspricht auch den Darstellungen des Chemnitzer FC vom vergangenen Sonntag, wo dieser zunächst selber gesagt hatte, dass man im Vorfeld über den Rahmen gesprochen habe.

Widersprüchlichkeiten:

Nach dem Geschehen und der bundesweiten Empörung äußert der CFC, dass der Rahmen im Zuge der Sicherheitsvorkehrungen abgesprochen sei. Die Polizei widerspricht und teilt mit, dass man starke Bedenken gehabt habe.

Kurz danach wird Anzeige erstattet, da man genötigt worden sei. Diese Behauptung wird nunmehr auch wiederholt. Interne Dokumente erwecken nicht den Eindruck, dass es eine Nötigung gegeben habe. Die Sicherheitsbehörden zeigen sich irritiert.

Parallel dazu werden eine Reihe von Mitarbeitern beurlaubt oder freigestellt. Die Person, die jedoch nach Aussagen des Insolvenzverwalters hauptverantwortlich sein soll, wird wieder zurückgeholt.

Eine Aufklärung über den Jugendcoach, der den Neonazi als „Leitfigur“ bezeichnet hatte, gibt es ebenso wenig, wie über den Umstand, dass ein Vereinsoffizieller einem Spieler, nach dessen Torerfolg, ein Shirt mit der Aufschrift „Support your local hools“ übergibt.

Der Spieler wird im Eilverfahren vom NOFV gesperrt. Der Spieler selber hatte ausgeführt, dass er nicht gewusst habe, dass der Spruch in rechten Kreisen so beliebt sei. Mit Hooligans hat der Spieler offenbar kein Problem.

Garniert wird die denkwürdige Pressekonferenz mit der sattsam bekannten Aussage: „Wir haben kein CFC- und kein Chemnitz-Problem, sondern ein gesellschaftliches.“

In Worte gegossene Hilflosigkeit.

Auch das agieren von Politik und Sponsoren ist vor allen Dingen hilflos bis konfus und wird eher nicht helfen, dass Problem zu lösen.

Nazis, Fußball, Ostdeutschland.

Anhand des Beispieles Chemnitz kann man nachvollziehen wie weit organisierte rechtsextreme Strukturen in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. Der Tote hatte eine Securityfirma, die bis 2006 nicht nur den Sicherheitsdienst im Stadion erledigte, sondern mehrfach auch das Chemnitzer Stadtfest absicherte. Man kennt sich halt.

Gleichwohl ist Chemnitz kein Einzelfall. Bereits zu DDR Zeiten bildeten sich in den Kurven offensiv rechte Strukturen heraus, vor allen Dingen in Ablehnung der DDR. Eine Entwicklung, die sich nach der Wende verstetigte. Sowohl bei Hansa Rostock, Dynamo Dresden, Lok Leipzig, Chemnitzer FC und Energie Cottbus, bis hin zum BFC Dynamo Berlin um nur die Bekanntesten zu nennen hatten und haben in ihren Kurven ein „rechtes Problem“. Tatsächlich sind die Kurven auch ein Abbild der Gesellschaft, in der insbesondere in Sachsen, rechte Einstellungen und Menschenfeindlichkeit zu lange toleriert wurde und wird.

Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung wurde und wird durch die stete Behauptung Politik und Sport seien voneinander zu trennen verhindert. Fußball als Breitensport hat dabei auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Die Äußerungen, die jetzt zum Teil vom SFV und NOFV, als verantwortlichen Verbänden kommen und aus Teilen der Politik sind daher vor allen Dingen eins – unglaubwürdig.

Hooliganismus gibt es in Gesamtdeutschland seit 40 Jahren. Haller wird daher nicht die letzte Größe gewesen sein, um die die Szene trauert. Hooliganismus ist dabei auch primär eine Form männlicher Gewalt. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung muss sich daher nicht nur mit rechten Einstellungen auseinandersetzen sondern auch mit Idealen von Männlichkeit, die in Teilen der Gesellschaft auch jenseits des Fußballmilieus nach wie vor gestärkt werden, vgl hierzu auch Robert Clauß .

Was zu tun wäre.

Die emotionale Reaktion, auch nach der katastrophalen Krisenkommunikation, dem CFC das Ende zu wünschen mag nachvollziehbar sein, löst aber das Problem nicht. Das Problem sind nicht nur Neonazis und Hooligans sondern eine schweigende Mehrheit, die sich in den Untugenden des Schweigens, Realtivierens und Wegsehens übt.

Wenn jetzt der Verein, auch durch den Absprung vieler Sponsoren und durch Sanktionen, in eine wirtschaftliche Schieflage gerät, wird das eher eine Opfermentalität und Solidarisierungseffekte fördern, die eine Aufarbeitung im Zweifel behindern. Statt Sanktionen und weniger Sponsorengeldern wäre es daher sinnvoll die weitere Unterstützung an Bedingungen zu knüpfen und die Arbeit in Fanprojekte deutlich zu unterstützen. Nicht der ganze CFC ist rechts und es glt diejenigen zu stärken, die sich damit kritisch auseinandersetzen und für diskriminierungsfreien Sport stehen.

Auch die Stadt hat in ihrem Umgang mit menschenfeindlichen Einstellungsmustern einiges aufzuarbeiten. Von daher könnte das Geschehen auch der Beginn eines neuen Aufbruchs sein.

Wer die Geschichte und Sachsen kennt, wird daran allerdings so seine Zweifel haben.

Love Football- Hate Racism

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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