Dresden, am 13.02. – ein Eindruck

Nach der Arbeit begebe ich mich in die Altstadt mit einem durchaus seltsamen Gefühl. Überall Menschengruppen in der Dunkelheit.

Schließlich um 18 Uhr fassen sich fremde Menschen an den Händen um symbolisch eine Menschenkette um die Altstadt zu schließen.

Es sind, so schreiben die Zeitungen am Ende 11.500, die symbolisch Gedenken und mit diesem Gedenken an die Zerstörung Dresdens zu erinnern, an die Opfer und an die Greuel des NS Staates. Es hat etwas Ergreifendes.

Der Oberbürgermeister appeliert in seiner Rede, dass es die Aufgabe der Dresdner sei, die Erinnerung lebendig zu gestalten.

Man will beiden gerecht werden: Der Zerstörung der Stadt im Feuersturm und Dresden als Hochburg der Nationalsozialisten.

Kann das gelingen?

Für viele wirkt die Betonung der deutschen oder Dresdner Opfer seltsam und befremdlich.

Für viele wirkt es einseitig, ist es Ausdruck einer Opferhaltung, in deren Kern der Wunsch nach Unschuld mitschwingt.

Menschen sind gestorben und Vielen ist es ein Anliegen damit umzugehen.

Aber kann eine Menschenkette Antwort auf alle Fragen sein?

Etwas später begebe ich mich auf den Altmarkt, da wo die AfD und PEGIDA sich dann treffen werden, an der Stelle wo einst die Toten verbrannt wurden. Hier ist die Geschichtsaufarbeitung einseitig. Es geht nicht um den reflektierten Blick, es geht um Vereinnahmung der Trauer, der „deutschen Opfer“.

Relativ schnell werde ich erkannt und angemault, dass ich doch hier falsch sei und ohnehin der Schlimmste. Bis dahin habe ich nichts getan außer zu betrachten, einen Eindruck zu gewinnen, um zu verstehen.

Schließlich kommen Kommunikationsbeamte der Polizei auf mich zu und bitten mich, mich den Gegenprotestlern anzuschließen. Meine bloße Anwesenheit wird von der Einsatzleitung als mögliche Gefahr wahrgenommen. Gefahr, die nicht von mir ausgeht sondern von meiner Existenz : Die Rechten könnten daran Anstoß nehmen und versucht sein gegen mich vorzugehen.

Ich folge. Ich, der sich nur als Gast fühlt, bin hier um zu verstehen, nicht um zu provozieren. Aber wie provoziert man nicht, wenn die bloße Existenz für einige schon Provokation genug ist. Wenn es ausreicht irgendwo hinzufahren, irgendwo zu sein, um schon als Provokateur zu gelten?

Ich begebe mich zu Trümmerfrau am Rathaus. Angemeldet von Bündnis 90 / Die Grünen Dresden als Anlaufstelle unter dem Motto „Tu was gegen Rechts“ um zu verhindern, dass Neonazis den Platz vereinnahmen können. Leise reden wir miteinander.

Etwas später nährt sich eine größere Gruppe Menschen. Sind das Rechte?

Es ist der Dresdner Gedenkweg. Die Teilnehmer*innen laufen 2 Stunden lang zu verschiedenen geschichtsträchtigen Orten, die mit dem 2. Weltkrieg und dem Wiederaufbau zu tun haben.

Man lädt uns ein sich anzuschließen. Wir lehnen dankend ab. An verschiedenen Orten der Stadt brennen Kerzen und liegen Blumen, einige eindeutig durch Banderolen zuordnenbar – Instrumentalisierung der deutschen Opfer, in Erinnerung an den „Bombenterror“ oder ähnliches steht auf Ihnen.

Und während die einen trauern wollen und in Momenten der kollektive Trauer einen Umgang mit dem Unvorstellbaren zu finden, versuchen Rechte den Tag zu instrumentalisieren, auszudeuten, für die eigene Propaganda zu missbrauchen.

Der Umgang mit Geschichte stellt uns vor Herausforderungen. In einer Linie stehen mit Menschen, die die Geschichte umdeuten oder vergessen lassen wollen? Ich tue mich da schwer.

Der 13.02. mag das prägenste Datum sein. Allein die Versuche das Geschehen zu instrumentalisieren gehen weiter, mindestens bis zum Wochenende wenn die Neonazis vom Dritten Weg unter dem Motto „ein Licht für Dresden“ in Nordhausen demonstrieren und der Holocausleugner Ittner in Dresden.

Dann werden es keine 11.000 sein, die sich an die Hände fassen um deutlich zu machen, dass solches Gedankengut nicht willkommen ist und das unsere Gesellschaft auch davor geschützt werden muss.

Und vielleicht ist es auch genau das was fehlt: ein deutliches klares Zeichen jenseits der Menschenkette, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist und menschenfeindliche Einstellungsmuster nicht demokratisch sind und deswegen Widerspruch bedürfen.

Am Ende konzentriert sich Alles, in der Gesellschaft der Aufregung, auf die Eskalation, die zuverlässig kommt. Menschen stellen sich auf den Altmarkt um zu verhindern, dass die AfD dort ihren Geschichtsrevisionismus ausleben kann. Die Polizei wirkt in diesem Moment überfordert. Es kommt zu tumultartigen Szenen und PEGIDA/ AfD Anhänger gehen robust gegen ihre Gegner vor um sich dann wortreich zu erklären, dass es quasi Notwehr gewesen sei. In der Mischung aus dem AfD eigenen Modus der Selbstviktimisierung einerseits und dem berechtigten Widerstand andererseits. Man kann es nicht mehr hören.

Am Ende wird stehen bleiben, dass in Dresden wieder mal Polizisten Hand in Hand mit AfD und Neonazis auf Gegendemonstranten eingeschlagen haben. Und alle, die nie da waren, nicht dabei waren, nicht versuchen zu verstehen, können sich bestätigt fühlen: Dresden, Nazis, Osten – Schublade auf, Schublade zu. Passt!

Nein, ich will das nicht verteidigen. Das was Geschehen ist muss aufgearbeitet werden. Zuviele Fragen sind offen.

Vielleicht gelingt es uns am Wochenende gemeinsam ein Zeichen zu setzen in Dresden: Hand in Hand, in Andenken an alle Toten des Faschismus und im deutlichen Widerspruch zu denjenigen, die auch heute den Faschismus leben.

 

PS: Am Sonnabend um 10:45, Höhe Gleis 20, gibt es von Leipzig aus eine gemeinsame Anreise nach Dresden mit Unterstützung von Leipzig nimmt Platz.

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Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Ein Gedanke zu „Dresden, am 13.02. – ein Eindruck“

  1. Die reine Existenz als Provokation? Um dies zu verstehen, stelle man sich vor, Lutz Bachmann ist bei einer Anti-FA Veranstaltung anwesend. Das würde ähnliche Maßnahmen seitens der Einsatzleitung auf den Plan rufen (müssen).
    Am Ende versucht jeder die Ereignisse, so schrecklich sie auch waren, für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Faschismus ist keine Meinung, aber wie geht man mit Menschen um, die solches Gedankengut in sich tragen? Am Ende des Tages sind es auch Menschen. Wie verbietet man Gedanken? Und seien sie noch so falsch? Wer bestimmt eigentlich, was man denken darf?
    Hilft ein Protest, eine Gegenveranstaltung, eine Blockade wirklich, um Gedanken zu verändern? Ist der absolute Vernichtungswille gegenüber Nazis erlaubt? Die absolute gesellschaftliche Ächtung, Stigmatisierung, Ausgrenzung. Hilft das wirklich, um irgendwas zu ändern?

    Ich habe keine Ahnung.

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