Herbst. – ein Montag in Sachsen!



Abends, das Telefon klingelt. Wie so oft am Montagabend. Wie so oft in den letzten Wochen.

Menschen gehen auf die Straße. Nehmen ihr Versammlungsrecht wahr. Was früher Querdenken war ist nun mehr eine Mischung aus Querdenken, Reichsbürgern und Neonazis und ja auch Bürgern. Das Thema hat sich geändert, das Setting ist gleich geblieben.

Man wähnt sich im Widerstand gegen das System. Und der Leipziger Ring, dieser Ring, ist der mystisch verklärte Ort an dem man diesen Widerstand ausleben will. Es geht um das große Ganze – gegen das System, als ob sich dadurch etwas ändern würde aber man will ja immer an 89 anknüpfen. Die Geschichte interessiert dabei nicht. Das komplexe Geschehen der friedlichen Revolution wird eingedampft zur Erzählung „das Bürger das System zum Sturz brachten“ und in diesem Wahn der Geschichtsklitterung will man nun auch stürzen und wird dabei zum Steigbügelhalter jener, die die Risse in der Gesellschaft vertiefen wollen.

Die Forderung sind eine wilde Mischung, quasi ein worst off oder alles was gerade so einfällt: Frieden mit Russland, Öffnung Nordstream 2, Freiheit, freie Impfentscheidung, Freiheit für Julian Assange, Souveränität und so weiter, bis dahin dass das einzig wahre Deutschland das in den Grenzen von 1937 sei und alles was nach 45 kam nur die BRD.

Keine Argumente, kein zu Ende gedachter Gedanke. Das Leben ist komplexer als ja und nein und Probleme sind durch Schlagwörter weder zu erfassen, noch zu begreifen.

Von der Presse fühlt man sich manipuliert, außer die Presse schreibt das was man selber für richtig hält.
Eigentlich ist das furchtbar leicht: nur Glauben was man selber für richtig hält. Eine Auseinandersetzung braucht es dann nicht mehr, weil man Recht hat.

Vormittags las ich ein Interview mit dem Präsidenten des sächsischen Verfassungsschutz, der meinte man dürfe Menschen nicht verurteilen, die mit Rechtsextremisten wie den „Freien Sachsen“ demonstrieren.

Was er meinte war auch, dass man das Thema, die Unzufriedenheit nicht den Rechten überlassen dürfte.

Immer dann wenn es brennt und allzu deutlich wird, dass wir in Sachsen ein Problem mit Einstellungsmustern der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit haben, soll es die Zivilgesellschaft richten, die man im Übrigen im Regen stehen lässt.

Ich könnte mich aufregen und es reicht doch nur zu einem Schulterzucken – Sachsen, denke ich, so Sachsen.

Das Telefon klingelt. Menschen, der Gegenprotest sind in einer Maßnahme, ob ich kommen könne. Nächster Anruf, nächste Maßnahme, wegen einem Geschehen, das mit diesem Montag nichts zu tun hat und doch an diesem Montag stattfindet.

Und während ca 1800 Menschen mit Rechtsextremen, Reichsbürgern und Hooligans über den Ring laufen, fokussiert sich die Polizei auf den Gegenprotest: 200 Menschen, viele davon noch sehr jung. Es ist auch ihre Zukunft, die gerade verspielt wird.

Auf den Abend folgt die Nacht und die Anrufe werden dramatischer. 8 Menschen des Gegenprotestes wurden angegriffen. Mehreren wurde ins Gesicht geschlagen, 3 Personen, darunter eine junge Frau wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Bei der jungen Frau besteht Verdacht auf Wirbelverletzungen. Ein Verdacht, der sich erst in der Nacht auflöst.

Viele Menschen machen es sich unglaublich leicht: Die eigene Wahrnehmung ersetzt die Auseinandersetzung mit der Situation. Weil man selber keine Rechten gesehen hat, keine Gewalt mitbekommen hat, gab es das auch nicht.

Muss ein schönes Leben sein, wo die eigene Wahrnehmung immer die absolute Geltung hat und alles andere folglich Lüge sein muss, weil man es ja selber nicht wahrgenommen hat.

Aufklärung? Hehres Wort, kannste vergessen, denke ich. Interessiert nicht.

Vor der Uniklinik wird in der Nacht eine Mahnwache stattfinden. Menschen finden sich zusammen, um den Verletzten zu zeigen, die nicht geschützt wurden, die nichts getan haben, außer ihr Grundrecht auf Versammlungsfreiheit wahrzunehmen und gegen Menschenfeindlichkeit zu demonstrieren, dass sie nicht allein sind.

Was für eine Zeit.

In Zeiten der Krise nehmen die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft zu. Die Spannungen wachsen und Rechtsextreme warten nur darauf die Risse zu vertiefen um Scheinlösungen anzubieten. In Europa tendieren mehr und mehr Länder nach rechts bzw. zu postfaschistischen Parteien. Es ist Herbst geworden in Europa.

Hat der Mensch nichts gelernt? Gar nichts?

Für den Triumph des Bösen reicht es aus, dass die Mehrheit schweigt, nicht handelt und mit den Worten des Verfassungsschutzes auch nicht verurteilt.

Nächste Woche Montag ist der 03.10. in Leipzig, in Sachsen, in Deutschland. Ein schwieriges Datum.

Ich werde hingehen. Nicht ertragen wenn Rechte Parolen laut werden.

Die Antwort auf die Krise ist nicht Nationalismus sondern Solidarität, ist das Eintreten für einander und nicht die krude Erzählung eines „Wir gegen Die“.

Sachsen, bleibt schwierig. Es ist Herbst.

Nachtrag zur Antisemitismusdebatte in Leipzig.

Die Antisemitismusdebatte läuft weiter und ist in eine seltsame Richtung abgekippt. Ganz aufgeregt wird inzwischen darüber diskutiert, was denn nun an der Geschichte dran ist.

Das Hotel beauftragt eine Anwaltskanzlei und eine PR Firma. Gegenanzeigen werden gestellt und es wird wild vermutet. Die Glaubwürdigkeit des Sängers wird angegriffen und es werden unlautere Gründe unterstellt. Aus der Vergangenheit tauchen weitere Vorwürfe gegen das Hotel auf. Zum Thema Antisemitismus gesellt sich Homophobie.

Am Ende werden, absehbar, vor allen Dingen auf allen Seiten Zweifel bleiben. Zweifel, die die Wahrheit, das was geschehen ist, verdecken. Und wahrscheinlich dürfte das auch genau das Ziel sein und zwar unabhängig vom Geschehen.

Am Ende wird Aussage gegen Aussage stehen und am strukturellen Grundproblem wird sich nichts ändern.

Ich habe keinerlei Zweifel, dass Menschen die sichtbar einen Davidstern tragen in Deutschland Diskriminierung und offenen Antisemitismus erleben. Keinen Zweifel!

Gehen wir zurück.

Es gibt Antisemitismus in Deutschland. Und die Zahl an Taten hat zugenommen. Das ist feststehend und bestürzend. Es braucht auch keinen Anlass oder besser gesagt sollte es keinen Anlass bedürfen, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Nationalität der Täter spielt dabei auch keine Rolle, darf keine Rolle spielen. Antisemitismus wird nicht dadurch zu rechtfertigen sein, dass die Person des Täters eine andere Nationalität hat.

Diese Erklärung ist das klassische Bullshitbingo des Rassismus, der sich selbst bei dem Thema dahin äußert, dass der Antisemitismus ja „zugereist“ sei. Auf Menschenfeindlichkeit (Antisemitismus) wird mit Menschenfeindlichkeit (Rassismus) geantwortet. In einem Wort: widerwärtig.

Es geht nicht um das Hotel, es geht nicht um den Sänger, es geht um Antisemitismus in Deutschland.

Lassen wir uns nicht ablenken. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: darauf, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt und arbeiten wir daran die strukturellen Probleme zu lösen und gegen die Vorurteile und Einstellungsmuster der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu arbeiten.

Dazu braucht es keinen Anlass und keinen Grund. Eine Haltung, die an den Menschenrechten orientiert ist, reicht dazu eigentlich völlig aus. Und das – ist das Mindeste.

Hanau: Worüber wir reden müssen.


Was wir wissen:

In der hessischen Stadt Hanau werden insgesamt 9 Menschen erschossen. Tatorte sind 2 Shishabars. Später findet die Polizei, in einer Wohnung, zwei weitere tote Personen. Eine von beiden – der mutmaßliche Täter.
Kurz danach taucht sowohl ein Youtube Video als auch ein 27- seitiges Manifest des Täters auf, aus dem ein geschlossen rassistisches Weltbild hervorgeht, dass davon spricht das ganze Völker „ausgelöscht“ werden müssen.

Was folgt sind Beileidsbekundungen und immer wieder die These des „psych.“ verwirrten „Einzeltäters“.

Was wirklich folgen müsste….

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Die Chronik des Hasses – eine Würdigung

Am Sonntag jährt sich der Hass. Zum mittlerweile 5.mal will Pegida den eigenen Geburtstag feiern. Damals im Oktober 2014 begann es.

Die Chronik des Hasses – eine Würdigung

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Der Tag nach Halle

Der Tag danach – Halle

Heute, einen Tag nach Halle, nachdem der Täter gefasst und die Hintergründe klarer sind, muss man sich äußern.

Ein Täter, der 2 Menschen erschossen hat. 2 Menschen erschossen, deren Pech es war zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das Andenken und Mitleid gilt den Betroffenen, gilt den Familien und denen die der Täter töten wollte. Weiterlesen „Der Tag nach Halle“

Chemnitzer FC – Nazis, Fußball, Ostdeutschland.

Am letzten Wochenende kam es im Rahmen eines Spiels in der 4.Liga zu einem Eklat. Im Stadion des Chemnitzer FC wurde einem organisierten Neonazi und Hooligan gedacht. Die Wellen der Erregung schlugen bundesweit hoch.

Zeit für ein kleines Update. Weiterlesen „Chemnitzer FC – Nazis, Fußball, Ostdeutschland.“

Eine Woche #Kaltland.

Fassungslos.

Worte, die nicht beschreiben können, wie es sich anfühlt.

Wie es sich anfühlt die aktuellen Zahlen und Berichte zu lesen. Aus der Zeitung zu entnehmen, dass am Wochenende, an einem Sonnabend in Leipzig, in meinem Leipzig, am hellichten Tag 8 deutsche Männer einen Asylbewerber krankenhausreif geprügelt haben.
Mitten in der Innenstadt, mitten am Tag. In diesem Leipzig, dass sich rühmt weltoffen zu sein und wo es doch, wie überall, brennenden Rassismus und Hass gibt. Vielleicht nicht so präsent, wie anderswo aber er ist da. Und wir neigen dazu, dass Hässliche zu vergessen, weil andere Bilder präsenter sind.

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