Ofarim – (k)eine Anklage!

Ein notwendiger Beitrag zur Einordnung und zum Verständnis.

Sachverhalt:
Anfang Oktober wollte der Musiker Gil Ofarim im Leipziger Hotel „Westin“ einchecken. Danach berichtet er auf Instagram, dass er dazu aufgefordert sein soll, durch einen Hotelangestellten, seinen Davidstern einzupacken. Daraus folgt eine bundesweite Debatte über Antisemitismus. Kurze Zeit später gibt es eine Kundgebung vor dem Hotel „Gegen jeden Antisemitismus“ an der auch Hotelangestellte teilnehmen.

Es wird ermittelt.
Nunmehr wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Hotelangestellten eingestellt hat nach § 170 II StPO und Anklage gegen Ofarim wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung gestellt hat. Ob die Anklage zugelassen wird ist offen.
Darüber entscheidet das Gericht. Ebenso über die Frage einer Verurteilung.

Stand jetzt ist die Anklage noch nicht zugelassen und damit alles andere Spekulation.

Schuld und Vorurteil:

Viele meinen nun, dass sie sich zum Thema Vorverurteilung äußern müssen und Entschuldigungen von denen fordern, die möglicherweise voreilig das Hotel kritisiert haben.

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft ist aber kein Schuldspruch. Wer sich jetzt über die Vorverurteilung aufregt und meint immer schon Zweifel gehabt zu haben, landet genau bei der gleichen Vorverurteilung wenn man jetzt eine Entschuldigung fordert.

Tatsächlich mahnt die Geschichte immer auch zur Vorsicht.

Die Unschuldsvermutung gilt für alle. Stand jetzt ist Ofarim unschuldig.

Lauter Verlierer:

Am Ende produziert das Geschehen absehbar nur Verlierer. Der Ruf des Hotels hat gelitten. Auch wegen eines völlig unprofessionellen Umgangs mit Kritik. Der Hotelmanager lässt sich nunmehr zitieren, dass er immer schon gewusst habe, dass alles „erstunken und erlogen sei“. Dabei gibt es bislang keine gerichtliche Entscheidung. Sollte das Verfahren eingestellt werden, wäre auch diese Aussage strafbar. Diese triumphierende Äußerung ist zudem völlig unangemessen und zeigt das einiges im Argen liegt.

Es darf daran erinnert werden, dass sich das Hotel im Nachgang eine Securityfirma geleistet hat mit besten Kontakten in die hiesige Neonazi- und Hooliganszene was im Lichte der Vorwürfe unfassbar ist. Und weiterhin eine PR Kampagne betrieben hat, die ihresgleichen sucht.

Dass die Glaubwürdigkeit von Ofarim, unabhängig davon wie es ausgeht, komplett beschädigt ist, dürfte ebenso klar sein.

Es ist auch ein Stück über die Erregungskultur in Deutschland, die noch bei jedem Aufreger vorschnelle Urteile fällt um sich dann später schon „immer“ auf der richtigen Seite zu wähnen. Dazu gehört auch das Agieren der Presse, die den Fall bis zum letzten Tropfen auswringt.

Und dann doch Antisemitismus.

Es braucht keinen Anlass um seine Stimme gegen Antisemitismus zu erheben. Dass es Antisemitismus in Deutschland gibt, dürfte außer Frage stehen, dass antisemitische Einstellungsmuster in der Gesellschaft weit verbreitet sind, belegen nicht zuletzt die Coronaproteste, wo immer wieder struktureller Antisemitismus reproduziert wird.

Auch die Äußerungen des sächsischen Ministerpräsidenten machen das deutlich, der von einem Verhältnis von „den Juden“ und „den Deutschen“ spricht, so als wären „die Juden“ keine Deutschen. Er betriebt damit Othering, was nichts weiter als Antisemitismus ist. Das er etwas anderes gemeint haben dürfte, spielt dabei weniger eine Rolle. Unkenntnis allerorten.

Im Übrigen zeigt es auch, dass es keine gute Idee ist, dass Strafrecht an einen „vermeintlichen Volkswillen“ anzupassen oder gar zu unterwerfen, wie es bisweilen gefordert wird.

Reden wir also nicht über den Einzelfall sondern über Antisemitismus, über Aufregung und Erregung und schnelle Vorurteile.

Wir könnten daraus lernen. Allerdings sind Zweifel daran, ob dies geschehen wird, angebracht.

Antisemitismus in Leipzig?



Es gibt diesen Fall und er ändert die Sicht auf die Dinge. Ein Sänger, der in einem Leipziger Hotel einchecken wollte, berichtet danach von Antisemitismus. Was folgt ist Aufregung, eine katastrophale Krisenkommunikation des Hotels, ein Netz in Aufruhr.

Jetzt 2 Wochen danach, tauchen neue Erkenntnisse auf. Möglicherweise war doch alles ganz anders. Oder jedenfalls ein bisschen?

Und wieder tobt die Aufregung. Diesmal ist nicht das Hotel schuldig, sondern der Sänger und Ressentiments finden Raum.

In der ganzen Debatte gibt es 2 Ebenen. Die man trennen sollte und trennen muss.

Es gibt die Ebene des konkreten Sachverhaltes – des konkreten Vorwurfs. Und nachwievor ist keine Ermittlung abgeschlossen sondern es wurden innerhalb der letzten 2 Wochen nahezu täglich Wasserstandsmeldungen rausgegeben.

Man kann sich die ganzen einzelnen Meldungen zusammen suchen. Man kann dabei auch die Interessenlage der Beteiligten berücksichtigen, was oft genug außen vor bleibt und feststellen, dass es bislang kein Endergebnis gibt.

Daraufhin ist es ein offener, nicht abschließend zu beurteilender Sachverhalt. Und die meisten Menschen ergreifen Partei, je nach Sichtweise und Einstellung.

Es gibt die 2 Ebene. Niemand wird ernsthaft bezweifeln können, dass es Antisemitismus in Deutschland gibt. Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass Menschen die einen Davidstern tragen oder eine Kippa im Alltag beleidigt werden.

Die Zweifel an dem konkreten Geschehen dürfen nicht dazu führen, dass wir das Vorhandensein von Antisemitismus negieren, dass die Debatte dazu führt die Glaubwürdigkeit generell von Betroffenen in Frage zu stellen.

Es braucht auch keinen konkreten Anlass um sich damit auseinanderzusetzen und es ist genau deswegen auch nicht falsch gewesen unmittelbar danach eine Kundgebung zu machen, die sich wohlgemerkt generell mit Antisemitismus auseinandergesetzt hat und zwar auch mit Antisemitismus innerhalb der linken und Antisemitismus, der geprägt ist durch die Nahostdebatte.

Aber inzwischen werden die Zweifel am konkreten Fall als Beleg dafür genommen, dass es Antisemitismus nicht gibt oder er jedenfalls nicht so schlimm ist. Doch ist es.

Am Ende wird es viele Verlierer geben. Ganz wird sich das Geschehen nicht aufklären lassen. Videos ohne Ton und Aussagen die gegeneinander stehen, erlauben keinen endgültigen Schluss.

Der Sänger verliert Glaubwürdigkeit. Das Hotel aufgrund desaströser Krisenkommunikation und Handeln Reputation.

Das schlimmste aber wäre, wenn wir Antisemitismus nicht mehr ernst nehmen würden. Der Fall ist dafür das schlechteste und beste Beispiel zu gleich.

Denn schlußendlich zeigt er auch die Aufgeregtheit einer Gesellschaft, von der ich Teil bin und mich daher auch nicht frei sprechen kann.

Die Aufforderung: Gegen jeden Antisemitismus zu handeln bleibt richtig. Egal von woher er kommt oder wie er sich äußert. Und das ist das Entscheidende.

Lauter Zufälle beim Thema WestIn Leipzig und Antisemitismus

Natürlich kann es Zufall sein, dass ein Hotel, dass sich gerade mit dem Antisemitismusvorwurf auseinandersetzt, eine Securityfirma beauftragt, deren Geschäftsführer wegen eines besonders schweren Fall des Landfriedensbruchs, gerade zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

Der Mann wurde verurteilt, da er zusammen mit über 200 weiteren Gesinnungsgenossen am 11.01.2016 den Stadtteil Leipzig- Connewitz überfiel. Damals überfielen annährend 250 Neonazis und Hooligans den linken Stadtteil um während des LEGIDA Geburtstages, die so „Verhasste Zeckenhochburg“ anzugreifen. Wahllos wurden Geschäfte und Menschen angegriffen.

Das kann Zufall sein.

Es kann ebenfalls Zufall sein, dass ein weiterer Gast, ein Musikmanager von einem homophoben Ausfall 2020 berichtet.

Und es mag Zufall sein, dass mehrere ehemaligen Angestellten untersagt wurde, ein Kopftuch zu tragen.

Das können alles Zufälle sein. Wenn es soviele Zufälle gibt, wird man allerdings eher von einem strukturellen Problem ausgehen müssen.

Abstoßend ist es allerdings wenn das Hotel immer wieder Mutmaßungen ins Feld führt, während der laufenden Ermittlungen, um die Glaubwürdigkeit des Opfers in Frage zu stellen. Wenn der General Manager, sich hinstellt und sagt ein anwesender Gast, hätte ihm das ganz anders geschildert und danach rauskommt, dass der Gast das gar nicht so genau mitbekommen hat, spricht das für sich.

Größe wäre gewesen zu sagen: Wir nehmen den Vorfall sehr ernst. Wir werden das komplett aufklären. Aus Respekt vor dem Opfer werden wir uns erst am Ende der Ermittlungen positionieren. Antisemitismus und jegliche Form von diskrimierenden Verhalten werden bei uns nicht geduldet, daher haben wir bis zur Aufklärung der Vorwürfe die Mitarbeiter zunächst beurlaubt.

Das hätte man auch auf der Demo sagen können, die nicht etwa das Hotel einseitig verurteilt hat sondern allgemein zum Thema Antisemitismus Stellung bezogen hat.

Aber dann muss es auch darum gehen, nicht etwa in erster Linie sein Image zu retten sondern das was gesagt wurde ernst zu nehmen. Das tut man nicht.

Am Ende steht, egal wie die Geschichte ausgeht, für das West In Leipzig ein mindestens kommunikativer SuperGau und der Hinweis darauf, dass es sicherlich andere Hotels gibt, die im Bereich Antidiskriminierung weiter sind.

Nachtrag zur Antisemitismusdebatte in Leipzig.

Die Antisemitismusdebatte läuft weiter und ist in eine seltsame Richtung abgekippt. Ganz aufgeregt wird inzwischen darüber diskutiert, was denn nun an der Geschichte dran ist.

Das Hotel beauftragt eine Anwaltskanzlei und eine PR Firma. Gegenanzeigen werden gestellt und es wird wild vermutet. Die Glaubwürdigkeit des Sängers wird angegriffen und es werden unlautere Gründe unterstellt. Aus der Vergangenheit tauchen weitere Vorwürfe gegen das Hotel auf. Zum Thema Antisemitismus gesellt sich Homophobie.

Am Ende werden, absehbar, vor allen Dingen auf allen Seiten Zweifel bleiben. Zweifel, die die Wahrheit, das was geschehen ist, verdecken. Und wahrscheinlich dürfte das auch genau das Ziel sein und zwar unabhängig vom Geschehen.

Am Ende wird Aussage gegen Aussage stehen und am strukturellen Grundproblem wird sich nichts ändern.

Ich habe keinerlei Zweifel, dass Menschen die sichtbar einen Davidstern tragen in Deutschland Diskriminierung und offenen Antisemitismus erleben. Keinen Zweifel!

Gehen wir zurück.

Es gibt Antisemitismus in Deutschland. Und die Zahl an Taten hat zugenommen. Das ist feststehend und bestürzend. Es braucht auch keinen Anlass oder besser gesagt sollte es keinen Anlass bedürfen, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Nationalität der Täter spielt dabei auch keine Rolle, darf keine Rolle spielen. Antisemitismus wird nicht dadurch zu rechtfertigen sein, dass die Person des Täters eine andere Nationalität hat.

Diese Erklärung ist das klassische Bullshitbingo des Rassismus, der sich selbst bei dem Thema dahin äußert, dass der Antisemitismus ja „zugereist“ sei. Auf Menschenfeindlichkeit (Antisemitismus) wird mit Menschenfeindlichkeit (Rassismus) geantwortet. In einem Wort: widerwärtig.

Es geht nicht um das Hotel, es geht nicht um den Sänger, es geht um Antisemitismus in Deutschland.

Lassen wir uns nicht ablenken. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: darauf, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt und arbeiten wir daran die strukturellen Probleme zu lösen und gegen die Vorurteile und Einstellungsmuster der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu arbeiten.

Dazu braucht es keinen Anlass und keinen Grund. Eine Haltung, die an den Menschenrechten orientiert ist, reicht dazu eigentlich völlig aus. Und das – ist das Mindeste.

Straßennamen – die modernen Bilderstürmer.

Es wird lauthals Zeter und Mordio geschrien. Die Grünen, so vermelden es die Medien wollen alte Straßennamen auf dem Altar der „politischen Korrektheit“ opfern.

Man spricht von „moderner Bilderstürmerei“. Fürchtet um die „Identität“, die an den Straßen hängt und erst die Kosten und überhaupt und ob es nicht wichtigere Probleme gebe.

Fragen und Antworten zu einem Aufregerthema.

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Wie die AfD Sachsen auf Halle reagiert

Der Leipziger AfD Stadtrat und Landtagsabgeordnete außerdem Rechtsanwalt R. Ulbrich fragt ernsthaft was schlimmer sei: Die Beschädigung einer Synagogentür oder die Tötung zweier Deutscher.

In eine ähnliche Richtung argumentiert der Pressesprecher der AfD Fraktion Sachsen, der meint getötet worden seien ja keine Semiten sondern zwei Deutsche.

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Der Tag nach Halle

Der Tag danach – Halle

Heute, einen Tag nach Halle, nachdem der Täter gefasst und die Hintergründe klarer sind, muss man sich äußern.

Ein Täter, der 2 Menschen erschossen hat. 2 Menschen erschossen, deren Pech es war zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das Andenken und Mitleid gilt den Betroffenen, gilt den Familien und denen die der Täter töten wollte. Weiterlesen „Der Tag nach Halle“