Was fehlt. – Ambiguitätstoleranz



Die Tage sind grau. Es ist der Anfang des Jahres. Und nach wie vor habe ich den Eindruck, dass wir immer noch keinen Umgang mit der Situation gefunden haben. Einer Situation, die viele vor Herausforderungen stellt.

Ich bin nicht mehr oft weggegangen, auch vor der Pandemie nicht, weil mir die Zeit fehlt. Aber manchmal reicht es schon aus die Möglichkeit zu haben um sich unbeschwert zu treffen, wieder in den Armen zu liegen.



Mir fehlen Konzerte und Clubs. Einfach das Zusammen sein für einen Abend, gemeinsam in der Liebe zur Musik, zu den Tönen, sich austauschen, einen Raum zu teilen und über alle Grenzen, die die Gesellschaft manchmal zieht, eine Sprache zu finden und zu sprechen.

Kultur ist ein Verständigungsraum und schafft eine Möglichkeit jenseits des Alltags zu reden.

In Clubs habe ich auch Polizeibeamt*innen getroffen, die genau wie ich nur feiern wollten. Warum auch nicht. Wir konnten reden, jenseits der Konfrontation im Alltag. Mensch sein.

Es gibt andere Beispiele und mehr davon und fast jeder kann sie erzählen. Geschichten aus der Nacht von Liebe und Hass, von Freud und Leid.

Kurz vor der letzten Schließung im Herbst gab es dieses eine Wochenende. Für einen kurzen Moment hatten die Clubs offen, für einen Wimpernschlag, für manche zu früh. Freude und Dramatik lagen über den Türen und Nischen.

Für einen Augenblick – der Echoraum der Gefühle, Gedränge und Liebe. Und die Streams in die Weite des Netzes sind wie ein schlechtes Surrogat.

Die Nacht fehlt mir. Und sie fehlt so vielen Menschen. Die Situation führt auch dazu, dass psych. Belastungen zu nehmen. Menschen, haben ihre Existenzgrundlage verloren. Musiker*innen, die kein Publikum mehr haben, Booker, DJs, Gastro und viele weitere Bereiche.

Junge Menschen, die aufwachsen und seitdem sie 18 sind noch nie die Möglichkeit hatten ein normales Konzert zu besuchen oder einen Club. Wie unermesslich war unser Reichtum und was bleibt?

Es lässt sich auch nicht aufrechnen mit Corona. Wir haben eine Pandemie mit der wir umgehen müssen. Und jenseits von Inzidenz und Krankenhausbelastungen gibt es viele Menschen, die diese Situation belastet. Es lässt sich nicht gegeinander aufrechnen.

Und genau deswegen ist es mitunter so schwer gegensätzliche Punkte zu verbinden.

Es ärgert mich, dass ich oft genug den Eindruck habe, dass bestimmte Bereiche nicht mitgedacht werden. Dass der Eindruck entsteht, dass ein Großteil der Krise zu lasten von jungen Menschen geht, wie bei allen anderen Krisen auch.

Es ärgert mich, dass wenn die Frage nach Öffnungsperspektiven in den Raum gestellt wird, reflexhaft aber Corona geantwortet wird.

Mediziner und Wissenschaftler geben Empfehlungen, wissenschaftliche Empfehlungen, begründet und wir als Gesellschaft müssen einen Umgang damit finden, alles in den Blick nehmen.

Ich will manchmal auch Zweifeln dürfen, verschiedene Positionen einnehmen können. Ich bin für die Impfung aber von einer Impfpflicht nicht gänzlich überzeugt. Ich bin für Abstand und Maske aber auch für Konzerte und Clubs weil es auch das braucht.

Und manchmal habe ich den Eindruck, dass uns, dass vielen, dass vielleicht auch mir, die Ambiguitätstoleranz fehlt, die Fähigkeit konträre Positionen auszuhalten und damit umzugehen.

In einer belastenden Situation, in der Ungewissheit, ist es immer einfacher Projektionsflächen zu haben und Schuldige zu benennen. Das ändert nichts aber der Eindruck, dass man etwas hat an das man sich halten kann ist da.

Ich wünsche mir, dass wir wieder Räume finden, wo wir uns austauschen können.

Und nein, diejenigen die auf der Straße Seite an Seite mit Rechtsextremen stehen und Verschwörungserzählungen verbreiten, schließe ich ausdrücklich aus. Denen geht es nicht um die Gesellschaft sondern um deren Abschaffung. Da geht es nicht um Diskussion sondern um Recht haben.
Und denen geht es auch nicht um Freiheit, die in einer Gesellschaft immer nur in Abhängigkeit von anderen funktioniert, denen geht es um nur um ihre „Egomanie“. Da verläuft dann tatsächlich eine unüberbrückbare Grenze.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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