Die Grenzen der eigenen Wahrnehmung.



Jeder von uns blickt mit einem bestimmten Blick auf die Welt, gespeist durch Annahmen und eigene Erfahrungen. Daraus resultiert, dass unterschiedliche Menschen eine Situation völlig unterschiedlich wahrnehmen, obwohl beide das gleiche Erleben. Die Sprache schafft dabei die Vermittlung, eigentlich.

Das allein wäre und ist kein Problem, wenn nicht zunehmend die eigene Wahrnehmung zur Absolutheit verklärt werden würde und andere Wahrnehmungen und Fakten ausgeblendet werden.



Die Verklärung der eigenen Wahrnehmung als „Wahrheit“, gar als Tatsache wird zunehmend zu einem Problem, die die Verständigung unter einander schwierig macht weil es schon keine Basis mehr gibt, von der man ausgehend miteinander sprechen könnte.

Spätestens seit dem Siegeszug des „Trumpismus“, der Negierung von Fakten und Tatsachen und beliebigen Austausch selbiger als wäre „Wahrheit“ nur ein Synonym für ein beliebiges Narrativ, ist die Suche nach einer objektiven Wahrheit auf dem Rückzug.

Gerade in den sozialen Netzwerken, die das Gegenteil dessen bewirken was sie vorgeben zu sein, wird dies deutlich. Die Verbreitung von falschen Tatsachenbehauptungen ist, sofern sie keine andere Person unmittelbar betrfft straflos.

Die sozialen Netzwerke, deren einzige Währung die Aufmerksamkeit ist, belohnen das schnelle, drastische und auch unwahre. Die kleine Überzeichnung des Geschehens, steht neben scheinbar objektiven Schilderungen von nie stattgefundenen Ereignissen, die allein durch ihre tausendfache Verbreitung Anspruch darauf haben neben wissenschaftlichen Tatsachen zu stehen, die wiederum aufgrund einer Vielzahl an gleichberechtigt daneben stehender „alternativer Fakten“ nicht mehr als wissenschaftliche Erkenntnis stehen sondern als notwendigerweise und eigentlich schon widerlegte These.

Belohnt durch Likes, nicht gegengeprüft, übernommen und verteilt.

Durch eine Vielzahl an möglichen „alternativen Fakten“ und Geschehensabläufen werden Zweifel gesäet. Die „Wahrheit“ wird unter einem Meer an Lügen begraben. Und der Zweifel vergiftet den Diskurs, stärkt das Misstrauen.

Seit langer Zeit ist es etwa ein Mittel der hybriden Kriegsführung Systeme dadurch zu destabilisieren, indem man Zweifel säet und verbreitet.

In einer Zeit, in der noch jede/r Dank der sozialen Netzwerke seine Meinung mit der Behauptung es seien Fakten ins Netz blasen kann, ist die scheinbare Demokratisierung des Meinungsaustauschs durch die sozialen Medien auch eine Gefahr, wenn es nicht gelingt die Verbreitung von unwahren Behauptungen stärker einzudämmen.

Nehmen wir das Beispiel der Corona Spaziergänge:

Es gibt Unverständnis an der Corona Politik der Regierung, die sich mit realen Zukunftssorgen koppelt. Diese „Spaziergänge“, die rechtlich als Versammlung zu werten sind, sind ein Ventil und schaffen einen kollektiven Verarbeitungsraum, der den Teilnehmern „Wirkmächtigkeit“ vermittelt.

Man sieht sich, sieht die anderen und fühlt sich wirksam und berechtigt seine „Wut“, „Angst“ und „Unverständnis“ deutlich zu machen.

Die Verbreitung von Narrativen ist umso wirksamer umso stärker sie mit Emotionen verknüpft wird.

Das was man erlebt ist entweder eine Polizei, die zurückweicht und damit in der eigenen Wahrnehmung „Zustimmung“ deutlich macht oder vor der „Macht des Volkes“ kapituliert oder eine Polizei, die handelt und damit wiederum gegen „friedliche Bürger“ vorgeht und damit die Annahme, dass man ja nicht länger in einer Demokratie lebe belegt.

Das an diesen Versammlungen auch Rechtsextreme teilnehmen oder diese organisieren hat man nicht gesehen und findet es daher „unverschämt“, dass alle diese in der eigenen Wahrnehmung „friedlichen Spaziergänger“ als Nazis tituliert werden.

Dies wird zwar nicht gemacht aber die eigene Annahme, dass dies gemacht wird, ist ungeheuer wirkmächtig.

Weil man keine „Rechten“ gesehen hat, können auch keine Rechten da gewesen sein.

Hinzu tritt die selektive Wahrnehmung, die dazu führt, dass man Fakten des Geschehens schildert und nur das annimmt, was ohnehin schon der eigenen Annahme entspricht.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Medien ohnehin Lügen, werde ich genügend Beispiele aus dem eigenen Blickwinkel finden, die genau diese These belegen.

Das ein Fakt unterschiedlich bewertet oder ausgelegt werden kann, wird übersehen. Wahr ist nur noch, dass was ich subjektiv als „wahr“ empfinde. Meinung ersetzt Tatsachen und Empfindungen ersetzt Erkenntnisse.

Dieser Modus, der nicht auf querdenkende Spaziergänger bergrenzt ist, erinnert an dem Verhalten von kleinen Kindern, die weil sie selbst etwas nicht sehen, davon ausgehen, dass es nicht da ist.

All das ist menschlich und doch nicht ungefährlich, wenn diese verzerrten Wahrnehmungen, von denen man sich immer klar werden muss, dass es nur die eigene Wahrnehmung ist, nicht zusehends Absolutheitsansprüche stellen würden, die in den sozialen Netzwerken Geltungsdrang beanspruchen.

Befeuert von Populisten, deren Ziel die Spaltung der Gesellschaft ist, weil man in der Hoffnung auf eine Auseinandersetzung darauf baut, seine eigenen Vorstellungen dann durchsetzen zu können.

Eine Antwort darauf habe auch ich einstweilen nicht außer der Aufforderung kritisch zu bleiben und seine eigenen Annahmen und Wahrnehmungen immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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