Auch als Fahrradfahrer will ich leben.

Wir fahren durch die Nacht.
Mein Rad ist verkehrssicher. Hat Licht und leuchtet. Ich mache keine Fehler, zumindest jetzt nicht.
Wir stehen auf auf dem Fahrradweg, auf der rechten Seite. Neben uns zwei Autospuren. Eine geradeaus, die rot hat, wenn der abbiegende Verkehr, inklusive der Fahrradfahrer die nach links wollen, grün hat.

Wir kommen an. Die Ampel nach links schaltet auf grün. Ein Pärchen vor uns, auf Rädern, fährt los, nach links und wir folgen.

Da passiert es. Ein Auto fährt weiter. Bremst nicht. Und hupt. Hat uns fast erwischt. Hinter dem Steuer ein alter Mann, der es nicht verstanden hat. Der fast zwei Menschen überfahren hätte und auch noch hupt. Nicht anhält und fragt.

Und in mir steigt in diesen Moment, die Wut auf. Ich kann nicht dagegen ankämpfen. Ich verfluche ihn und schreie die Wut in die Nacht hinaus und das Pärchen auf dem Fahrrad stimmt mit ein. Fast Zeugen geworden, des nächsten Unfalles. Und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihn aus seinem Auto gezerrt und angeschrien. Weil er mir fast das Leben genommen hat.

Meine Tochter weint. Hält sich fest und weint.

Ich will gegen die Wut ankämpfen, will dem alten Mann vergeben. Aber mein Herz krampft sich zusammen.

Zu oft erlebe ich Situationen, wo Autofahrer*innen, die Vorfahrt missachten und nicht verstehen, dass ihre Fehler potentiell lebensbedrohlich sind.

Ich hasse es wenn PS Boliden, nichts weiter als überteuerte Kompensatoren von Minderwertigkeitskomplexen, in überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt fahren und übergroße Wohlstandsdekadenz in Form von SUVs den Platz nehmen und dazu führt, dass es für kleine Menschen, Kinder, mitunter lebensgefährlich ist, die Straße zu überqueren, weil sie kaum gesehen werden können, von diesem alptraumhaften Metallungeheuern, die den Mensch abhängig gemacht haben.

Ich hasse es, wenn immer noch diskutiert wird, dass Tempo 30 innerorts eine Behinderung sein soll. Wie zynisch muss man sein?

Tempo 30 kann leben retten. Und ich als Fahrradfahrer, will nichts weiter als das – leben und auch auf der Straße fahren, frei sein, ohne vorher mein Testament zu machen und zu beten und hoffen, dass ich Glück habe. Oder nicht daran denken.

Es sind zu viele Autos und ich kann die ganzen Erklärungen warum man ein Auto braucht nicht mehr hören. Die Freiheit der Autofahrer, das Recht in der Stadt 50 zu fahren und sein Auto überall abzustellen, gefährdet mein Leben. Das Leben meiner Kinder. Und mein Recht auf körperliche Unversertheit, auf eine Zukunft, wiegt schwerer als eure Unfähigkeit.

Und aus dieser Situation kommen wir auch nicht mit den so oft gehörten Appellen des Gebots der allgemeinen Rücksichtnahme. Ich als Radfahrer, der pro Tag fast einmal überfahren wird, habe keine Lust mehr Rücksicht zu nehmen und Verständnis zu üben, weil ich fast überfahren wurde.

Es reicht. Es reicht schon lange. Und das Problem können wir nur lösen, wenn wir begreifen, dass unsere Art zu leben, nicht nur für die kommenden Generationen lebensbedrohlich ist, sondern auch im hier und jetzt lebensgefährlich.

Und ich gestehe, ich werde dafür kämpfen und streiten, dass es weniger Autos werden. Und auch keine E- Autos. Mein Leben interessiert es nicht, ob ich von einem Diesel, Benziner oder E- Auto ins Jenseits geschickt werde.

Es sind zuviele. Und es ist ein Problem. Und das Problem lösen wir nur, wenn wir begreifen, dass ein Großteil des Autoverkehrs Teil des Problems ist und nicht Teil der Lösung.

Eine bessere Welt, eine lebenswertere Stadt wird es nur mit weniger Autos geben. Mit viel weniger.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Ein Gedanke zu „Auch als Fahrradfahrer will ich leben.“

  1. Lieber Jürgen Kasek,
    auch da hast Du (haben Sie) gemerkt, dass Gewalt ein evolutionäres Erbe ist. Ich verstehe deshalb Deine (Ihre) Reaktion zu 100%, bin deshalb auch Deiner (Ihrer) Meinung und setze mich deshalb ebenfalls auf vielen Ebenen dafür ein, dass motorisierter Individualverkehr abgeschafft wird. Leider ist auch unser Egoismus – z. B. der des Autofahrers – ebenso ein Teil unseres evolutionären Erbes, der hier eine schnelle und friedliche Lösung unmöglich macht. Und so könnte ich Dir (Ihnen) noch viele Beispiele dafür nennen, dass der intelligente und gleichzeitig fehlerhafte Mensch eine Gefahr für sich und andere darstellt, wahrscheinlich zuletzt bei der Klimakrise. Sorry.

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