Kinderschuhe aus Lublin

Es muss ein wütender Rant folgend, ein unversöhnlicher Aufschrei mit Trotz in den Staub geschrieben.

Derzeit scheint es Brauch geworden zu sein, dass verantwortungslose Eltern, aus Protest gegen Schulschließungen Kinderschuhe vor die Rathäuser stellen. Und mancherorts äußern Politiker*innen dafür Verständnis.

Ja, wir haben eine schlimme Situation. Ja, insbesondere die Kinder leiden. Kinder, die in der Zeit der Pandemie keine Priorität hatten weil es nur darum ging Schulen offen zu halten damit Eltern arbeiten gehen können. Es geht nicht um die Kinder, es geht um die Wirtschaft. Allein daran zeigt sich wie rücksichtslos, diese unsere Gesellschaft ist.

Kinder, denen die Freunde fehlen, die gemeinsame Zeit. Schüler*innen, die nach wie vor nicht wissen, wie ihr Abschlusszeugnis aussehen wird oder die Prüfung, die im schlechtesten aller Bedeutung in eine unbekannte Zukunft treiben.

Es gibt viele gute Gründe darüber zu reden. Darüber zu reden, was wir unseren Kindern vermitteln, welche Welt wir Ihnen hinterlassen, wie wir mit Ihnen umgehen. Dazu gehört es zu reden, zu verstehen und vor allen Dingen Kinder ernst zu nehmen und sie in den Mittelpunkt zu stellen.

Und dann kommen die Kinderschuhe. Eine Aktion aus dem Umfeld, der sog. Querdenker, ausgedacht in finsteren Kellern, derer die sich selbst als Widerständler stilisieren, die meinen mit Kinderschuhen vor Rathäusern auf die Situation aufmerksam machen zu können.

Geschichtsvergessenes Volk. Man darf sich daran erinnern, wofür leere Kinderschuhe stehen, darf die Geschichte hervorholen und über Bedeutung nachdenken.

Leere Kinderschuhe stehen für die Ermordung von Kindern, stehen für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Sie sind ein unfassbares Symbol, dass nicht umzudeuten ist.

Sollte es wirklich so weit sein, dass sich dieses Volk nicht an die Geschichte erinnert, die nicht lange genug zurückliegt als das man sie vergessen könnte?

Johannes R. Becher Kinderschuhe aus Lublin.:

….
Es wird die Sonne brennend scheinen.
Die Wahrheit tut sich allen kund.
Es ist ein großes Kinderweinen,
ein Grabgesang aus Kindermund….

Der Kindermord ist klar erwiesen.
Die Zeugen all bekunden ihn.
Und nie vergess ich unter diesen
die Kinderschuhe aus Lublin.“

Ein Gedicht bezogen auf das Vernichtungslage Majdanek, bezogen auf den Massenmord an Menschen und Kindern. Ein brennendes Fanal.

Soll ich tatsächlich annehmen, dass es Eltern gibt, die die Geschichte nicht kennen, die vergessen möchten? Soll ich annehmen, dass eigentlich alles ganz anders gemeint ist?

Soll ich wirklich bei einer Gruppierung, die sich selber im Widerstand gegen eine Diktatur wähnt, auf deren Demonstrationen fortwährend Vergleiche zwischen Impfgegnern und Juden gezogen werden, womit die Shoa relativiert wird, ein Versehen annehmen. Ein kleiner Fauxpas? Wohl kaum und es interessiert mich auch nicht.

Und all jenen Politiker*innen, die Verständnis heucheln möchte ich mit der harten Kante von Geschichtsbüchern auf die Sprünge helfen. Verlogenes Volk.

Es mag da jene geben, die meinen, dass man doch einen Schlussstrich ziehen müsste. Die Geschichte ruhen lassen soll. Die meinen man darf nicht überbewerten.

In einer Zeit, in der politische Morde geschehen, wo Rechtsextreme Mordlisten füllen, und eine Partei, diesen Hass legitimiert, gibt es kein Vergeben, kein Vergessen.

Kann es für das Geschehene keinen Schlussstrich geben.

Mit den Worten von Bertolt Brecht, aus der Dreigroschenoper:

„Und die da reden von Vergessen
Und die da reden von Verzeihn –
All denen schlage man die Fressen
Mit schweren Eisenhämmern ein.“

Redet über die Rechte von Kindern mit Kindern. Unterstützt euch und missbraucht nicht die Geschichte.

Bild: Hagen Koblitz, Kinderschuhe in Lublin/ Majdanek

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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