Distanzier dich.

Immer wieder kommt die Aufforderung, dass ich mich distanzieren solle. Meistens von irgendeinem Sachverhalt, dem mensch im Kontext der linken Szene vermutet.

Heute Morgen rief mich ein besorgter Bürger an, aus den alten Bundesländern, der meinte ich solle mich doch mal zu dem Geschehen in Eilenburg verhalten.

Dort so schreiben die Zeitungen, hätten bisher unbekannte Täter sich als falsche Polizisten ausgegeben und dann dem Geschädigten das Sprunggelenk gebrochen. Beim Geschädigten handelt es sich um ein NPD Mitglied.

Er habe dies mitbekommen und irgendwo auch meinen Namen gelesen und rief deswegen entrüstet an: ich soll mich distanzieren.

Meistens kommt dann noch die Wiedergabe der eigenen (verzehrten) Wahrnehmung, nämlich dass gegen „Linke“ nichts getan wird, dass wenn das Rechte Täter gewesen wären, es sofort einen Aufschrei gegeben hätte, etc.

Geprägt durch selektive Wahrnehmung, haben viele den Eindruck, dass irgendetwas zu wenig dargestellt wird, zu wenig berichtet wird oder zuviel, zu einseitig. Ständig irgendwas.

Dann wird aufgerechnet. Und der nüchterne Hinweis auf die Faktenlage, die Darstellung führt dann meist dazu, dass das Gespräch endet.

Es scheint eine Unsitte der Zeit zu sein, Gespräche mit dem Gegenüber dann zu beenden, wenn die eigene Meinung keine Resonanz findet oder nur eine entgegengesetzte Resonanz. Tatsächlich macht das Sinn.

Die (anti-) sozialen Medien verschaffen jede/r/m Aufmerksamkeit und seine eigene PeerGroup. Der Vorteil an Gruppen ist, dass es ausreichend viele Menschen gibt, die bereit sind die gefundene Meinung zu bestätigen weil man die gleiche Meinung teilt.

Es geht nicht um richtig oder falsch und schon gar nicht um objektive Wahrheit sondern nur darum die eigene Meinung bestätigt zu finden. Das machen die sozialen Medien mit ihren Algorithmen total gut. Angezeigt wird das wofür man sich auch vorher interessiert hat. Dass dies im Ergebnis die eigene Wahrnehmung zusehends einengt wird von vielen geflissentlich ignoriert weil das Aufhalten in der eigenen Peer Group bequemer ist als sich ständig in Auseinandersetzungen zu begeben.

Schnell entsteht dadurch eine Parallelwelt. Man kann das gerne einmal versuchen und beispielsweise nur Zeitung lesen, die gar nicht erst in dem Verdacht steht seriös oder halbwegs neutral zu sein und sich in den dazugehörigen Gruppen anmelden.

Anders gesagt, wenn man die ganze Zeit in irgendwelchen AfD Gruppen abhängt, nur die dazugehörigen Medien und Schlagzeilen wahrnimmt, kann man schon glauben, dass alles ganz schlimm ist.

Die Realität ist freilich meist etwas komplexer. Der nüchterne Hinweis auf die Komplexität der Realität und die Fehleranfälligkeit eigener Wahrnehmungen verfängt leider meistens nicht.

Das Problem der selektiven Wahrnehmung und die Einteilung von Menschen in Gruppen haben wir übrigens alle. Und Kritik die geäußert wird, bei der Einteilung ob sie positiv oder negativ ist, machen wir stark davon abhängig wer diese Kritik geäußert hat. Die Bereitschaft sich falsch zu verstehen, wächst mit der wahrgenommenen Entfernung zu seinem Gegenüber.

Zurück zum Fall: Der Bürger legte jedenfalls mitten im Gespräch auf. Ich habe mich nicht distanziert. Distanzieren kann ich mich nur, wo vorher Nähe da war.

Eine Straftat ist begangen wurden. Die Hintergründe sind unbekannt. Ich nehme das nüchtern zur Kenntnis. Ob es einen politischen Hintergrund gibt oder nicht, entzieht sich meiner und meines Erachtens auch der Kenntnis der Ermittlungsbehörden.

Nur weil etwas vermeintlich naheliegt, muss es deswegen nicht auch so sein.

Ich rechne nicht auf. Es interessiert mich auch nicht. Ich schreibe darüber, was ich für richtig halte. Wer der Meinung ist, dass ich zu wenig über vermeintliche „linke Gewalt“ schreibe, dann ist das so.

Ich bin kein Journalist. Ich muss gar nichts. Ich bilde mir eine Meinung und gebe die dann wieder. Über Kritik, freue ich mich auch, manchmal, nicht immer. Kritik, ist wichtig und kann das Sichtweld weiten, weswegen ich auch höchst selten Menschen blocke.

Ich halte Rechte für deutlich gefährlicher als Linke und das auch deswegen weil ich den Ansatz einer gerechten Welt, ohne Herrschaft, für deutlich besser erachte, als die Idee einer Nation, die zwingend die Menschen teilt. Eine rechtsextreme Ideologie, deren Kerninhalt die Ungleichwertigkeit der Menschen ist, ist in der Endkonsequenz immer mörderisch. Und darüber gibt es eigentlich nichts zu diskutieren.

Und über die Gleichwertigkeit aller Menschen werde ich auch nicht mehr diskutieren. Es gelten die Menschenrechte. Alle Menschen sind gleich, egal woher sie kommen, welche Sprache sie sprechen, wenn oder was sie lieben.

Ich werde darüber nicht diskutieren. Eine Diskussion darüber würde die fundlegende Grundlage unseres Zusammenlebens in Frage stellen. Dazu bin ich nicht bereit.

In diesem Sinne: Ich distanzier mich nicht.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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