Jana aus Kassel – eine Bestandsaufnahme.

Am Wochenende verbreitete sich ein Video einer jungen Frau aus Kassel in den sozialen Netzen. Es ging viral. Und ebenso schnell entfaltete sich auch eine Debatte darüber.

Es zeigt eine junge (22) Jahre alte Frau, die auf einer Demo der Querdenker spricht und angibt, dass sie wie Sophie Scholl fühlt weil sie jetzt auch Demos anmeldet und im „Widerstand“ ist.

Daraufhin kommt ein Ordner, wirft sein Ordnerleibchen hin und teilt mit, dass er nicht bereit ist bei solch einem „Schwachsinn“ mitzumachen, da es „Holocausrelativierung“ sei.

Die junge Frau weint, dreht sich um und lässt das Mikro fallen. Gerade dieser Umstand (der Mic Drop) macht das Video zu einem Hit.

Hier setzt die Debatte an. Es folgt die Aufregung darüber, der Versuch der Erklärung mit mangelnder Bildung, gemischt mit Ableismus, die Veralberung („Fühl mich wie Jesus, weil ich es auch mal im Kreuz hab“), bis hin, aufgrund der Entrüstung, zu Solidaritätsbekundungen.

Viel davon geht am notwendigen Problemdiskurs vorbei.

Der Ordner.
Relativ schnell fokussierten sich einige auf den Ordner. Dieser sei aus der linken Szene, hätte sich also eingeschmuggelt.
Das ändert aber nichts an der Situation. Diese Information relativiert auch das Geschehen nicht – eher im Gegenteil.

Im Grunde genommen ist es ein brillanter Schachzug, der die ganze Inszenierung freilegt.

Die Querdenker, rechnen mit Protest, sind es inzwischen gewohnt. Entsprechend routiniert ist die Antwort: der Protest und die Kritik wird delegitimiert oder ausgeblendet. Eine Diskussion über die Kritik findet nicht mehr statt. Die Demonstrationen dienen mehr und mehr der eigenen Selbstbestätigung, was auch an der Rede deutlich wird.

In dem Moment wo der Ordner auftritt, also jemand aus den eigenen Reihen, ist die Grundannahme eine andere. Tatsächlich schafft es der Ordner damit, die eingeübte Routine (kulturelle Grammatik) zu durchbrechen, was zur Kurzschlussreaktion führt.

Die Rede.

Tatsächlich ist dieser Kurzschluss, dass dramatische verlassen der Bühne, nur relativ kurz. Jana aus Kassel, von der man weiß, dass sie offenbar Studentin ist kommt zurück und hält ihre Rede dann doch. Und auch diejenigen, die sie in Schutz nehmen, sollten sich die Rede vielleicht einmal anhören. Die Rede ist keine Offenbarung, relativ zusammenhangslos und ohne jede Argumente wird darüber geklagt wie schlimm alles sei (Jana fürchtet, dass die Regierung sie auch bald zu Hause besucht, warum erklärt sie nicht) und auf der anderen Seite, dass mit Liebe eine neue „Welt manifestiert“ wird. Wie diese „neue Welt“ sein soll, wird ebenfalls nicht erläutert.

Bis dahin solle man „Bäume umarmen“ und „Yoga üben“.
Ok.

Fehlende Bildung.

Viele kaprizieren sich im folgenden darauf, die Holocaustrelativierung mit fehlender Bildung zu erklären, was deutlich zu kurz greift. Im Einzelfall mag auch fehlende Bildung ein Problem sein. Allerdings wird dadurch verkannt, dass es sich hier um ein gezieltes Narrativ handelt, dass gesetzt wird und Zustimmung generiert.

„Widerstand“

Ein der häufigsten Motive inzwischen bei der „Querdenkern“ ist der „Widerstand.“ Man wähnt sich selbst im Widerstand gegen die „Corona-Diktatur“, gegen das „Merkel-Regime“. Die Forderungen sind auch allgemein gehalten und zwar so allgemein, dass sie möglichst breite Anschlussfähigkeit garantieren. Konkrete Lösungsvorschläge würden dazu führen, dass die Anschlussfähigkeit sinkt, da konkrete Lösungen immer dazu führen können, dass nicht alle einverstanden sind.

Definiert wird also nur der kleinste gemeinsame Nenner und dieser wird soweit gefasst, dass möglichst viele angesprochen werden.

Das auftreten von Vertretern der neuen Rechten und Reichsbürgern ist also kein Kollateralschaden sondern bewusst einkalkuliert.

Deutlich wird dies auch daran, wenn R. Ludwig, einer der Köpfe der Querdenker formuliert, dass es doch gut sei, wenn Neonazis und NPD auf den Demos vertreten ist, weil dadurch würde man doch diese wieder in die Gesellschaft integrieren.

Diese Aussage ist im Bestenfall naiv, im Einzelfall aber gefährlich. Einstellungsmuster der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, wie sie durch Rechte verbreitet werden, werden damit weiter zu völlig normalen Meinungsäußerungen aufgewertet.

Es wundert daher nicht, dass Neue Rechte, AfD, NPD und weitere ihre Stunde gekommen sehen und die Querdenker für die eigene Agenda nutzen.

Mit der Erzählung des „Widerstandes“, des „Merkel-Regimes“ wird die Erzählung weitergeführt. Eine Erzählung, die bereits im sog. Friedenswinter anfing und mit Pegida eine erste Hochphase erlebte. Es darf daher nicht verwundern, dass sowohl Forderungen, als auch Losungen zum Teil identisch sind.

Es regiert der Glaube, dass man bereits in einer „Diktatur“ lebe. So erklären sich auch die Rufe „Wir sind das Volk“. Diese Erzählung findet ihren Höhepunkt in der Eigenzuschreibung, dass man selbst „Sophie Scholl“ oder „Anne Frank“ sei. Die Benutzung ist kein Zufall sondern die konsequente Folge der eigenen Annahme.

Die Querdenker, wie auch Pegida gerieren sich als antiautoritäre Revolte gegen die vermeintliche Diktatur. Es wundert daher auch nicht, dass man selbst dem Ruf „Nazis Raus“ zustimmen kann. Weil „Nazis“ oder „Faschisten“ sind diejenigen, die diese „Diktatur“ stützen („Merkel-Jugend“).

Zielstellung der „Neuen Rechten“ ist die weitere Spaltung der Gesellschaft, den Riss zu vertiefen.

Um dann im Ergebnis einer „revolutionären Situation (Verweis auf 89)“ das bestehende System zu beseitigen und die Rückkehr zum Nationen einzuläuten.

Ein linkes Problem.

Das eigentliche Probleme besteht darin, dass es bis heute nicht gelungen ist, darauf eine Antwort zu geben. Wie kommt es dazu, dass selbst „intelligente“ Menschen, solchen Unsinn wie „Widerstand “ mit rufen können und Neonazismus selbst dann nicht wahrnehmen, wenn Neonazis neben ihnen stehen?

Es ist auch ein linkes Problem. Es ist nicht gelungen die notwendige Kritik an verhangenen Maßnahmen selbst zu setzen.

Die Zustimmung zu antidemokratischen Einstellungen hat in den letzten Jahren zugenommen.

Das ist das eigentliche Problem.

Und darüber darf und muss man reden und nicht die Energie auf eine 22 jährige verschwenden, die auf der Suche nach Anerkennung, genau das wiedergibt was ihr Publikum hören will.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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