Warum wir reden müssen.

Wir müssen stärker als bislang über diese „neue Normalität“ reden, diskutieren uns austauschen.

Bislang dominieren die Kontrapositionen des „Dafür“ und „Dagegen“. Wer Kritik an Maßnahmen äußert gerät schnell in Gefahr aus dem Diskurs ausgeschlossen zu werden.

Das Argument, dass es zynisch sei und man damit Leben gefährde, wenn man verordnete Regelungen in Frage stellt, dominiert. Schnell gilt man als egoistisch.

Zahlen, die kaum vergleichbar und noch weniger interpretierbar sind, dienen als Argumente. Wofür? Dass wir wenig wissen? Dass uns Zahlen eine Steuerbarkeit zeigen, die es vielleicht gar nicht gibt?

Nein, wir leben nicht in einer Diktatur. Nicht ein bisschen. Tatsächlich sehen wir gerade auf wundersame Weise, dass dieser Staat, diese Demokratie funktioniert.

Die oft kritisierte Zähigkeit demokratischer Prozesse, weicht einem Handlungseifer. Aber es zeigt sich eben auch, warum demokratische Verfahren Zeit brauchen, warum das System von „checks and balances“ so wichtig ist. Viele Verordnungen sind erkennbar mit der heißen Nadel, unter dem Eindruck der Pandemiezahlen gestrickt. Die Verordnungen sind zum Teil zu unbestimmt, unterlaufen rechtstaatliche Prinzipien und greifen zu tief in die Lebensgestaltung des Einzelnen ein.

Das auszusprechen ist nicht zynisch, nicht verantwortungslos sondern in einer Demokratie, deren Kern der demokratische Meinungsaustausch ist, notwendig.

Das RKI, Virologen, sie sprechen Empfehlungen aus. Empfehlungen mit denen wir umgehen müssen, über die wir uns verständigen müssen.

Eine Verständigung, die nicht die Medizin, nicht die Politik, die wir als Gesellschaft leisten müssen. Offen im Umgang, bereit einander zu zuhören.

Viele sind verunsichert und eine Hörigkeit zeigt sich. Als Bürger ist es unsere Pflicht, gerade in einer Demokratie, Dinge auch in Frage zu stellen und nicht alles hinzunehmen nur weil es Gesetz oder Empfehlung von übergeordneter Stelle ist. Das ist der Unterschied zu einem autoritären System. Aber es wird auch deutlich, dass die Zustimmung zum Autoritarismus in der Krise wächst. Das sollte uns ebenso beunruhigen wie die Pandemie.

Ich finde es beängstigend, dass Familien getrennt sind und auf Besuche verzichten aus Angst, dass Nachbarn oder Dritte das bei der Polizei melden.

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Ausübung dieser Freiheit, in die Rechte von Anderen eingreift. Dann muss ein Ausgleich geschaffen werden.

Es gibt einen Kernbereich der individuellen Lebensgestaltung, der Intimsphäre, in die der Staat nicht eingreifen darf, selbst wenn damit das Infektionsrisiko steigt.

Wenn eine Familie sich entscheidet, im Wissen des Risikos, sich zu sehen, dann muss das möglich sein.

Es ist erschreckend, dass durch die Verordnungen auch die Möglichkeit genommen wird, Abschied zu nehmen. Menschen sterben, ohne das Familienangehörige oder Freunde sie vorher sehen konnten.

Und man darf bezweifeln, dass alle Eingriffe in die Grundrechte, nach der Krise zurückgenommen werden. Die Sehnsucht nach Sicherheit, Steuerbarkeit, ist eine Gefahr für die Freiheit.

Wir fokussieren uns in der Diskussion zu sehr auf wirtschaftliche Themen. Es wird Zeit zu verstehen, dass sich alles verändert, dass es kein weiter so mehr geben kann und es eine Welt vor und nach Corona gibt.

Wie wir damit umgehen, entscheidet nicht die Regierung, nicht das RKI, nicht der Virus. Diese Last liegt auf unseren Schultern.

Jede Krise ist auch eine Möglichkeit für Veränderung, für Entwicklung.

Wir haben gelernt, wie wichtig soziale Beziehungen und Bindungen sind. Dass die Systemrelevanz eines Berufs nicht mit der Bezahlung korrespondiert und die Digitalisierung eine Chance sein kann.

Wir müssen jetzt reden. Miteinander, gemeinsam getrennt und deswegen vereint.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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