Abschied vom Winter

Abschied

In dem Land meiner Jugend, lag im Februar Schnee. Manchmal schneite es sogar schon zu meinem Geburtstag und das auch im Tiefland. Dick eingemumelt, ohne die ganzen modischen Funktionsjacken, die heute vorzugsweise Menschen tragen, die Outdoor für eine Modemarke halten, gingen wir zur Schule oder Uni. Manchmal waren wir auch rodeln oder bauten uns eigene Eisbahnen, sehr zum Leid der Mitmenschen, die zufällig den Bereich queren mussten.

Ich erinnere mich an das herrliche knarzen des frischen Schnees unter den Sohlen und wie herrlich die Landschaft aussah. Karge Natur und rauhe Schönheit, eingehüllt in das weiße Kleid.

Ich erinnere mich daran, wie es Brauch war, dass am Tage des ersten Schnees, wenn die erste geschlossene Schneedecke lag, sich Menschen einer alt hergebrachten Tradition bemächtigteten am Connewitzer Kreuz einkehrten um in archaischer und ritueller Weise dem Schnee zu huldigen, indem man sich mit selbigen bewarf. Und welche Aufregung es danach immer gab weil übermotivierte Schneehuldiger, mitunter auch nichtbeteiligte Dritte oder unschuldige Mülltonnen in den Bann des Schnees zogen

Ich erinnere mich an Wochen in denen die Temperatur auch tagsüber nicht über -5 Grad hinauswollte und der Frost an uns nagte und brannte.

Ich erinnere mich, wie ich als junger Mensch, in der rebellischen Phase meines Lebens, abgewetzte Lederjacken tragend, die Haare offen, mit dem Rad über glatte Straßen schoß und über die Kopfhörer meines Walkmans, eines transportablen etwa faustgroßen Kassettenabspielgerät, „Darkthrone“ oder „Mayhem“ hörte. Musik jedenfalls, die so richtig nur funktioniert wenn der Frost kracht und Kälte uns verzerrt. Und welches Gefühl es war trunkend vor Freude und manchmal auch aufgrund spiritistischer Erzeugnisse, durch dunkle Straßen wankend, schlitternd voranzukommen und grimmig dem „grim frost“ zu trotzen.

Wir erfreuten uns an zugefrorenen Seen und erfreuten uns, wenn bald, im März auf einmal die Tage nach Frühling rochen und Märzenbecher, Schneeglöcken und Krokusse ihre Köpfe durch den tauenden Schnee reckten.

Wie dann die Bäche anschwollen und im Frühjahr, der ein oder andere Fluß genährt vom tauenden Schnee und frischem Regen keck über seine Ufer trat und ankündigte es sei bald Ostern.

Es gilt Abschied zu nehmen. Das Land meiner Jugend gibt es nicht mehr. Und im Zuge der allgegenwärtigen Rationalisierung wurde eine ganze Jahreszeit mit eingespart.

Wir sollten aufrichtig trauern, denn wir haben es möglich gemacht. Wir haben die Natur uns untertan gemacht und das Klima verändert.

Es gibt die Menschen, die bezweifeln das alles. Die fanden den Winter sowieso immer schon doof weil kalt und wußten die Schönheit nicht zu schätzen.

Es gibt Menschen, die finden brennende Sommer schöner und irgendwie auch knuffig, dass die Natur sich ändert und wir bald Palmen im ganzen Jahr anpflanzen können.

Aber diese Menschen regen sich dann auch auf über teuer werdendes Bier und kleiner werdende Pommes, was beides irgendwie zusammenhängt, weil weniger Regen fällt und damit die Ernten geringer werden. Aber statt das mit unserem eigenen Verhalten zu begründen, kann mann natürlich auch „die da oben“ dafür verantwortlich machen. Frau Holle ist schuld oder Mutti oder jedenfalls die anderen vielleicht sogar die Menschen, die aus warmen Ländern zu uns kommen und im Gepäck gleich ihr Wetter mitbringen…

Irgendwann werde ich meinen Enkeln erklären wie mystisch tanzende Schneeflocken sind und wie es sich anfühlt, wenn eine Schneeflocke auf der Zunge schmilzt- es ist ein kleines Glück. Ich werde Ihnen sagen, dass Schnee nicht nur ein Codewort für Kokain ist sondern auch einmal vor langer Zeit etwas ganz reales war.

Ich werde das zu Weihnachten tun, wenn wir gemütlich um die Stechpalme sitzen, in kurzen Shirts und uns freuen, dass es geregnet hat.

Der Fortschritt hat uns nicht nur wunder romantische Kassettenabspielgeräte genommen sondern auch eine wunderbar romantische Jahreszeit.

Heinrich Heine würde seinen Gedichtband wohl nicht mehr „Deutschland- ein Wintermärchen nennen“ sondern „Deutschland – kein Märchen“. Drei Hasselnüsse für Aschenbrötel müsste erst erklärt werden, weil man sich kaum vorstellen kann, dass es Zeiten gab wo soviel Schnee lag, dass man mit Schlitten fahren konnte.

Gut, Lederjacken trage ich manchmal immer noch und das rebellische ist mir immer noch eigen. Aber norwegischer Black Metal so ganz ohne Winter ist irgendwie nicht das selbe.

Damals – es war eine schöne Zeit und wir haben sie zerstört.

In tiefer Trauer um den Winter.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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