Ein Bild und seine Geschichte – Connewitz, 11.01.2016 – die reale Dystopie.

Vor 4 Jahren überfielen 250 Neonazis einen Stadtteil. Das ist die Geschichte dieses Tages und der Folgen.

Es ist ein nasskalter Januartag. In der Innenstadt, vor dem Naturkundemuseum, demonstriert das rechtsextreme Legida Bündnis. Auf der Bühne steht unter anderem Tajana Festerling, die davon sprechen wird, dass man Beamte, Journalisten, Politiker aus ihren Amtsstuben prügeln müsse. Unter den Teilnehmern sind auch AfD Mitglieder und ein jetziger AfD Stadtrat.

Aus Anlass des einjährigen Bestehens hat man Hannes Ostendorf, Sänger der rechtsextremen Hooliganband Kategorie C eingeladen, der auf der Bühne das Lied „Hooligans gegen Salafisten“ , welches der Soundtrack zu den Krawallen der neonazistischen Hooligans in Köln war, umgedichtet in Leipzig gegen Salafisten, zum besten gibt.

Auf der anderen Seite, im Regen des Abends, auf dem Richard Wagner Platz demonstrieren nach einem Aufruf des Aktionsnetzwerks Leipzig nimmt Platz mehr als 2000 Menschen gegen Menschenfeindlichkeit. In der Thomaskirche findet ein Friedensgebet statt.

Die CDU hatte vorab jegliche Beteiligung sowohl an Gegendemonstrantionen als auch am Friedensgebet abgelehnt. Nur der Kämmerer der Stadt und der damalige Justizminister nehmen am Friedensgebet teil.

Bereits vorab hatte es Ahnungen gegeben, dass der Auftritt von Ostendorf nicht zufällig sei.

In einem Vorbericht hatte sich der sächsische Verfassungsschutz mit der Lage auseinandergesetzt. Auf einer halben Seite wird Legida erwähnt und festgestellt, dass das Legida Bündnis nicht rechtsextrem sei. Von Anfang werden bei den Demonstrationen Hitlergrüsse gezeigt, nehmen Hooligans und Neonazis Teil und verfassungsfeindliche Forderungen werden erhoben.

Auf weiteren 2 Seiten arbeitet sich der Verfassungsschutz am Gegenprotest ab. Unter anderen gilt eine Veranstaltung, bei der ein Anwalt über Rechte bei Demonstrationen aufgeklärt hat, als Indiz dafür, dass mit gewalttätigen Blockaden gerechnet werden müsse. Weitere Gefahren sieht man nicht.

Während die Versammlungen laufen sprechen 2 Vertreter des Aktionsnetzwerks Leipzig nimmt Platz in der vollbesetzten Thomaskirche. Parallel dazu erreichen die ersten Twitter Nachrichten aus Connewitz die Welt.

250 rechtsextreme Hooligans und Neonazis haben sich dort gesammelt und einen Straßenzug, die Wolfgang- Heinze Straße, angegriffen.
Zerstört werden ein Optiker, Bars, Buchläden und Kneipen. Passanten werden attackiert. Ein Buchladen fängt kein Feuer, da der Brandsatz durch einen ausgehangenen Katzenkalender nicht zündet. Ein Dachstuhl gerät in Brand. Die Angreifer sind mit Beilen, Baseballschlägern und weiteren bewaffnet.
Es dauert bis die Polizei da ist und 211 der Angreifer in der Auerbachstr., siehe Bild, festsetzen kann. Es ist ein dystopischer Albtraum. Aber er ist real.
Die Logik des Angriffs ist die Logik des Terrors. Es gibt nicht das eine Ziel, sondern der Stadtteil ist das Ziel. Die Botschaft ist: es gibt keine Sicherheit für Andersdenkende auch nicht in Connewitz.

Dass es keine weiteren Schwerverletzten gibt und kein Haus in Flammen gerät, ist dem glücklichen Zufall geschuldet.

Obwohl die Autos der Angreifer nicht weit entfernt stehen und in den Autos Beweismittel lagern, werden die Autos nicht kontrolliert. Nach der Feststellung der Personalien werden die Angreifer entlassen.

Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen wegen schweren Landfriedensbruchs auf. Eine CDU Bundestagsabgeordnete erklärt über Twitter der Angriff seien Linke gewesen.

Von Terror sprechen weder die Sicherheitsorgane, noch hochrangige Politikvertreter obwohl der Angriff genau diese Logik hat und ein Fanal darstellt.

In der Folge wird kaum etwas über die Ermittlungen bekannt. Die Betroffenen bleiben auf sich allein gestellt und können sich auf die Solidarität im Viertel verlassen, wo Spendengelder gesammelt werden.

Polizei und Verfassungsschutz streiten jede Verantwortung ab.

Ende des Jahres werden die 211 Namen der Täter geleakt und tauchen im Viertel auf. Darunter ist ein Rechtsreferendar, ein Justizbeamter, der später im Dienst bleibt und zum Teil inhaftierte Neonazis bewacht, etliche bekannte Neonazis, Amateurfußballer.

Nach der Veröffentlichung erklärt die Polizei, dass man umfassend jetzt wegen der Veröffentlichung der Namen ermittle. Konservative Politiker erregen sich über diese Tat.

Die Ermittlungen dauern an. Genaue Informationen zum Stand der Ermittlungen gibt es nicht. Ein Fussballspiel zwischen Borna und dem Roter Stern Leipzig wird abgebrochen. 3 Spieler aus Borna waren am Angriff beteiligt. Man einigt sich darauf diese nicht einzusetzen. Nach dem Siegtor kurz vor Abpfiff für Borna rennen Spieler zur Bank und halten dort das Trikot eines der Angreifer hoch. Zuviel. Der Stern verlässt den Platz. Borna wird später dem Roten Stern die Schuld an der Eskalation geben, ebenso wie der Präsident des sächsischen Fußballverbandes, ein CDU Europaabgeordneter.

Erst Ende 2018 beginnen die ersten Verfahren gegen die Angreifer. Mehr als 150 sind auch 4 Jahre danach nicht verurteilt. Der Justizbeamte erscheint mehrfach nicht zur Verhandlung.

Sofern sich die Angeklagten äußern ist die Erklärung immer die gleiche: man sei in der letzten Reihe gelaufen, hätte selber nichts gemacht und wusste gar nichts. Der den Identitären nahestehende Rechtsreferendar, der auf seiner Brust ein verschnörkeltes Hakenkreuz trug, erklärt er sei da gewesen um gegen Gewalt zu demonstrieren.

Die Verfahren bis dahin enden mit im Regelfall 12- 16 Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.

Eine umfassende Aufarbeitung, über die Hintergründe und Hintermänner, des Angriffs oder Strukturermittlungen gibt es nicht.

4 Jahre nach dem Angriff, der den Stadtteil enger zusammengeschweißt aber das Vertrauen in den Staat tief erschüttert hat, sind ein Großteil der Täter nicht verurteilt und mehr Fragen offen, als Antworten vorliegen.

Vielleicht aber auch nur vielleicht sollte man sich daran erinnern, wenn man aktuell über Connewitz spricht.

Connewitz- unbreakable. Nichts ist vergessen.

Bild: Copyright LVZ Leipziger Volkszeitung

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: