Baseballschlägerjahre

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#Baseballschlägerjahre sind ein Codizee für die Erinnerungen, hier im Osten, für die 90er und Anfang der 2000er Jahre, als Neonazibanden Jagd machten.

Die Geschichten von Freunden und Fremden gleichen sich. Handeln davon wie Konzerte, Clubs, Menschen angegriffen wurden, immer wieder, wie wenig es die Gesellschaft interessiert hat. Dunkel dräuende Erinnerungen ziehen auf und vorbei. Erinnerungen daran wie wir durch die Nacht rannten, uns verloren und schrien. Schreie in der Dunkelheit.

Mit meinem ersten Patch – einem durchgestrichenen Hakenkreuz hat sich alles verändert. Ab da galt ich als Linker und da ich hinter dem größten Plattenbauviertel wohnte – auch als komplett lebensmüde. Plattenbauviertel waren traditionell Nazihochburgen.

In Grünau gab es das Kirschberghaus, einen offenen Jugendtreff mit akzeptierender Sozialarbeit, dominiert von Nazi- Skins. Wer kein Nazi war, machte besser einen Bogen, einen großen. Nachts durch das Plattenbaugebiet zu laufen, in der Dunkelheit, die Neonlichter , die dunklen Ecken, macht schlagartig nüchtern – alle Sinne sind angespannt und du hoffst, dass du nicht die falschen triffst.

Unser Proberaum war im Plattenbaugebiet. Nicht weit davon eine Tanke – Nazitreffpunkt. Und wir mit Gitarre und Bass auf dem Rücken immer in der Hoffnung, dass es gut gehen möge.

Wir haben uns angewöhnt Nazis, damals an Bomberjacken und Springerstiefeln zu identifizieren, auf mindestens 50 Metern zu erkennen. Entweder das oder man ist sehr schnell oder ein bisschen lebensmüde.

Anders zu sein, hieß Ärger zu bekommen. Und anders war man, wenn man Skater war, Grufti, Metaller, Punk oder irgendwie links aussah oder manchmal auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort war

In Leipzig gab es das antifaschistische Schulnetzwerk. Eine Soliparty im Eiskeller wurde nach Bombendrohung abgebrochen. Wir sind weiter zu einem Grillplatz. Am Ende verloren wir uns und rannten durch die Nacht. Angegriffen wie so oft.

Als sich Faschos in der nicht leeren Straßenbahn unterhielten, ob sie mich zusammenschlagen oder nicht oder fürchtete ich alles. Am Ende taten sie es nicht. Der Anführer hatte neue Turnschuhe statt Springer an und wollte, die an mir „Scheiß Zecke“ nicht schmutzig machen.

„Wenn wir dich hier nochmal sehen, bist du tot.“ Keine leeren Worte. Viele Freunde wurden damals übel zusammengeschlagen.

Danach waren auf meinem Armeerucksack nicht nur Aufnäher sondern in der vorderen Tasche auch eine schwere Eisenkette. So ging es vielen – nicht immer nur Opfer sein.

In Leipzig waren wir noch in einer privilegierten Situation. Der Süden war relativ safe, es gab Räume und Communties die sicher waren. Plattenbaugebiete waren Feindesland. Am Bahnhof gab es das Café Dresden mit billigen Bier und Faschos. In der Innenstadt „Die Wiese“ mit den Ausgestoßenen oder denen die sich so fühlten.

Das Umland war schlimmer. In Wurzen mussten Freunde fast immer rennen, in der Nacht, am Tag. In der Sächsischen Schweiz terrorisierten die Skinheads der SSS die Umgebung. Einige Eltern waren bei der Polizei. Als die SSS verboten wurde, setzte man auswärtige Polizisten ein.

Demos waren fast immer im Wanderkessel und wurden oft genug angegriffen von Faschos oder es gab Stress mit den Cops – egal wo.

Es wurden auch schon mal Züge angegriffen. Als wir 2004 zur Demo nach Pirna fuhren wurden die Scheiben als Splitterschutz abgeklebt und Menschen mit Pappschildern an die Türen gestellt.

Wir lernten, dass uns im Ernstfall niemand helfen wird. Wer irgendwie anders aussah, durfte sich oft genug anhören, dass man doch selber Schuld an den Angriffen sei. Man würde doch schließlich provozieren. Provozieren mit langen Haare, Baggypants, Kapuzenshirts, Springern…

Wenn es Ärger gab und den gab es fast immer, übten sich die Meisten im konzentrierten Wegsehen und Beschäftigtsein. Eine volle Bahn oder Platz war kein Garant für Sicherheit. Im Ernstfall bist du allein.

Anfang der 90er Jahre war es noch schlimmer. In den Ruinen des einen Staates, indem der neue Staat noch nicht aufgebaut war, tobten sich die marodierenden Nazischläger aus. In der DDR gab es Neonazis und nach der Wende wurden es mehr. Sie liefen bei den Montagsdemos mit, standen in den Kurven der Fußballstadien, trafen sich in Jugendklubs und verabredeten sich zum „Zecken klatschen“.

Manchmal stand dann was von „rivalisierenden Jugendgruppen “ in der Zeitung, ganz so als sei das Problem nicht der Neonazismus, nicht die Menschenfeindlichkeit.

Du verlierst das Vertrauen in den Staat und die Gesellschaft und weißt, du bist allein.

Dunkle Erinnerungen, die immer wieder aufbrechen. Die aufbrechen, wenn mal wieder über „Sachsen Bashing“ geschimpft wird, weil immer noch die Schuld sind, die Probleme ansprechen.

Auch heute noch schauen viele weg, so als geht sie das alles nichts an. Aber es geht uns etwas an. Es geht uns alle etwas an.

Früher gab es marodierende Nazischläger. Heute ist der Faschismus wieder normal geworden und eine faschistische Partei im Osten fast überall zweitstärkste Kraft.

Das heute ist das Ergebnis unserer Fehler von Gestern.

Ich will nicht, dass es wieder soweit kommt.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

2 Kommentare zu „Baseballschlägerjahre“

  1. Kann ich so unterschreiben, genau dieselben Erfahrungen habe ich auch gemacht.
    Leider haben die meisten Menschen bis heute Angst darüber zu reden oder gar im Netz zu schreiben. Die Eltern-Generation dazu zu interviewen, ist bisher kläglich gescheitert.
    Es scheint, als sei das Thema dort bis heute gar nicht angekommen.

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