Ein Tag im Oktober- am 24.10.2009 wurde der Rote Stern angegriffen

Heute vor 10 Jahren spielte der Roter Stern Leipzig in Brandis. Das Spiel wurde nach wenigen Minuten abgebrochen, als mehr als 50 zum Teil vermummte Neonazis das Spielfeld mit Eisenstangen und Pflastersteinen stürmten und Spieler und Fans des RSL angriffen. Mehrere Personen wurden schwer verletzt.

Trotz Warnungen im Vorfeld war die Polizei nur mit 2 Streifenpolizisten vor Ort, die nicht in der Lage waren, den Angriff zu verhindern.

Es ist wichtig immer wieder daran zu erinnern und zu mahnen.
Im Nachgang des Spiels des Rotern Leipzig in Wurzen in diesem Jahr wurde das NDK in Wurzen angegriffen.

Immer noch ist der Rote Stern für den ganzen rechten Rand ein Dorn im Auge. Immer noch sind bei Spielen in der Provinz dutzende Polizeibeamte vor Ort.

Der folgende Beitrag ist meine Erinnerung an diesen Tag, veröffentlicht im Fachorgan KIezkicker anlässlich des 20-jährigen Vereinsjubiläums. Zu beziehen bei den Heimspielen oder No Borders.

Ein Tag im Oktober.

Tage am Meer, beziehungsweise in einem alten Arbeiterhotel, das am Meer sein könnte, wenn nicht dazwischen noch die Stadt wäre.

Es ist trist, es ist öde aber das Bier schmeckt und die Spannung ist da, wenigstens ein bisschen. Am nächsten Tag zurück aus der Bude in die Halle – Politreden folgen.
Letzter Tag des grünen Bundesparteitages, irgendwann 2009 Ende Oktober.
Ich hab leichten Kater und der Tag plätschert dahin, frag nicht nach Morgen. Vor mir sitzt Monika und ich schaue mehr gelangweilt als aus Spannung aufs Handy, verfolge meinen damals noch recht übersichtlichen Twitterfeed und schau mal was im Fußball so geht.

Bald ist hier eh alles zu Ende und die meisten im Kopf schon wieder woanders. Ich switche zum Account des RSL99, mal schauen was in der Provinz läuft. Die ersten Tweets laufen ein:

„Der tross nach brandis setzt sich in bewegung. Operation tabellenführung!“

Bis dahin eigentlich eine schöne Saison. Der Stern spielt oben mit und ist auch ansonsten gut aufgestellt. Ich verfolge das ganze eigentlich eher nebenbei. Mehr aus politischen Interesse als aus echten Fan Dasein.

Lese die Geschichten, wie auf irgendwelchen Dörfern in der sächsischen Provinz sich wieder mal Ochsen aufs Feld wagten und unter sachkundiger Anleitung wieder zurückgetrieben wurden – eine freundliche Umschreibung dafür, dass es immer mal wieder Stress mit Faschos gibt.

Und dann kommt ist alles anders:
@rsl99 ,24.10.2009, 04:05: Fazit: angriff auf Rsl fans und team von 50 bewaffneten nazi-hools. Mehrere verletzte, teils schwer. Brandis ordner mitangreifer.

Mein Puls explodiert. Das ist nicht wie sonst, das sind nicht ein paar Dorfnasen die Stress suchen.
Ich sage Monika Bescheid und rufe Adam Bednarsky an. Und das was Adam an diesem Nachmittag ins Telefon sagt, mit einer Stimme, die gar nicht der Adam ist, denn ich sonst kenne, ist beängstigend – ein gebündelter Angriff mit mehreren Schwerverletzten, der am Ende zurückgeschlagen werden konnte.

Nach vielen Recherchen später ist klar, dass alles hätte verhindert werden können. Warnungen gab es nicht wenige. Aber hey, das hier ist Sachsen und im Zweifelsfall hat hier niemand etwas gewusst. Nicht, dass es Nazis gibt, nicht dass es massive Probleme mit Rassismus gibt, nicht dass immer wieder Nichtrechte angegriffen werden. Fuck you.

Bundesweit rauschen die Medien. Auf einmal ist der Rote Stern bundesweit ein Begriff und darüber hinaus, weil alle auf einmal mitbekommen, dass es in Sachsen Nazis gibt, die gewalttätig sind, die angreifen. Für alle die hier leben ist das Alltag. Guten Morgen und so. Aber sie haben es ja nicht gewusst- so wie immer.

Zwei Tage später steh ich im Fischladen, rede mit Adam und er reicht mir den Mitgliedsantrag. Noch im Laden unterschreibe ich.
Man sagte ja, dass man sich seinen Verein nicht aussucht, der Verein wird einem gegeben. Eigentlich war ich früher Fan von LOK, bis ich ging und ein Stern wurde.

Mein erstes Auswärtsspiel war das Wiederholungsspiel von Brandis, nach dem Skandalurteil des Sportgerichtes. Das Spiel musste wiederholt werden.

Vorher die Demo in Brandis mit Support aus ganz Deutschland. Ich war in der Reha- wegen zweier gebrochener Füße und traf dort auf zwei weitere Sterne. In den Bus einsteigen und auf Krücken mitlaufen, egal was es kostet, bis meine Füße so schmerzten, dass ich ab Markt im Lauti mitfahren konnte.

„Kühe, Schweine, Ostdeutschland.“, man kann darüber streiten ob dieser Spruch eine Auszeichnung verdient aber hier und jetzt, passt er. Die Wut ist da und muss raus.

Brandis hätte etwas verändern können, etwas verändern müssen in Sachsen. Mit Brandis und allem was danach folgte, Spielabbruch in Mügeln, Stress in Schildau und immer wieder Wurzen hätte klar sein müssen, dass es hier ein massives Problem mit rechten Einstellungsmustern gibt.

Der Stern wurde zum Indikator – denn auf einmal interessierte es die Presse und überall wo der Stern in die Provinz fuhr tauchten Faschos auf.

Aber in Sachsen sind immer die schuld, die darauf hinweisen, dass das Problem Rassismus heißt. Ist ja nicht so, dass sich der Präsident des sächsischen Fußballverbandes immer wieder so äußert, dass der Stern den Sport politisieren würde. Der Mann ist CDU Mitglied und war
Europaabgeordnete aber der Stern politisiert.

Ich lache hart. Und kotze im Strahl wenn ich wieder höre, dass Sport und Politik nix miteinander zu tun haben. Mit Geschichtsbüchern müsste man euch verdreschen, denke ich und schmiede heimlich Pläne genau das zu tun.

10 Jahre später ist in Sachsen fast überall die AfD stärkste Partei. Der Faschismus ist wieder da. Man hätte es wissen können, man hätte handeln müssen oder man stellt fest, dass die Linken schuld sind, so wie das die CDU seit 30 Jahren in Sachsen macht.

Es gibt den Moment, wo man sich entscheiden muss, wo man überlegt auf welcher Seite man stehen will. Ich habe nicht überlegt, ich habe unterschrieben und ich habe es nicht bereut. Für immer ein Stern.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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