Frühjahrsputz

Es ist eine Eigenart der Neuzeit, dass in den Städten und Gemeinden regelmäßig zum Frühjahrsputz gerufen wird. Dann finden sich Menschen zusammen, meist in geselligen Bürgervereinen organisiert und sammeln im öffentlichen Raum allerlei Unrat ein, den es dort eigentlich gar nicht geben dürfte.

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Es dürfte ihn dort nicht geben, da Müll, so habe ich es mir sagen lassen, in dafür eigens aufgestellte Behältnisse gehört. Das wiederum scheint sich noch nicht zu allen Mitmenschen herumgesprochen zu haben. Eine andere Erklärung wäre darin zu suchen, dass der Müll eigens im öffentlichen Raum zurückgelassen wird, um der Tradition des Frühjahrsputzes eine Bedeutung beizumessen.

Also ungefähr so, als würde man seine Wohnung verkommen lassen, bis der Frühjahrsputz kommt und es dann nicht mehr anders geht. Wobei mir bewußt ist, dass viele Mitmenschen das genauso praktizieren. Was meistens allerdings auch nur dazu führt, dass das in Bergen zusammenrottente Material neu verteilt wird.

Die Unordnung nimmt ohnehin in geschlossenen Systemen zu. Oder wie die Physiker sagen würden: In einem abgeschlossenen System mit festem Volumen und fixer Teilchenzahl, ist die Entropie proportional zum Logarithmus der Anzahl von Mikrozuständen in dem System.
Mein Chaos ist ein Naturgesetz. Fakt! Menschen, die mein Chaos kritisieren werfe ich daher zufällig meist nur vor, dass ihnen die innere Bereitschaft Naturgesetzlichkeiten zu akzeptieren abhanden gekommen ist. Zurück zum Thema.

Die Zahl der Teilnehmer*innen an dieser Art der Freizeitbeschäftigung, die dem Allgemeinwohl dient, ist allerdings umgekehrt proportional zur Anzahl der Mitmenschen, die sich zuverlässig über den Müll im öffentlichen Raum erregen.

Ich vermute, dass das mit einer anderen deutschen Besonderheit zusammen hängt, nämlich dem „nichts gewusst haben wollen.“ Konsequentes wegsehen ist halt auch nicht einfach.

Nichts erregt zuversichtlich ordnungsliebende Mitmenschen, derer es in Deutschland kulturell bedingt besonders viele geben soll, so sehr wie Müll. Bei Deutschland denken viele an Ordnung und Sauberkeit. Ein Blick in einen beliebigen Park oder Straße beweist meist das Gegenteil.

Die kognitive Leistung den vorhandenen Müll mit dem eigenen Leben in Kontext zu setzen, ist wiederum eine, für viele, offenbar zu anspruchsvolle Aufgabe, die meist mit den rotzig dahin geknirschten: „Ich zahle Steuern“, ausgekontert wird.

Wobei ich mich dabei meist frage, ob das Zahlen von Steuern, zu einem besonders unsozialen Verhalten berechtigt. Eine Frage, die offensichtlich einige geliebte Mitmenschen zuverlässig mit ja beantworten. Sei es drum. Wer erinnert sich nicht an die liebevollen Demoabende und ihren konstruktiven Disputen, auf denen besorgte Mitmenschen als allgemeingültiges Totschlagargument heraus verbalisieren, dass man doch erstmal Steuern zahlen solle.

Häufig antworte ich darauf, dass ich mit meinen Steuern, deren Lebensabend mitfinanzieren helfen soll, mir aber angesichts des ungebührlichen Verhaltens, dass nochmal überlegen möchte. Argumente folgen dann leider meist keine mehr.

Auf meinem gestrigen Wege zum Frühjahrsputz in den Stadtteilen Sellerhausen, Anger Crottendorf und Paunsdorf, was ich nur nebenbei einfliessen lasse um noch den letzten Leser vor Augen zu führen, was ich für ein großartiger, selbstloser Mensch bin, fand sich alles was die menschliche Zivilisation produziert.

Plastik in allen Variationen und Farben, bergeweise Flaschen, Faxgeräte, Feuerlöscher, Kinderwägen.

In Paunsdorf fanden wir etwa auf wenigen Quadratmetern liebevoll im Gebüsch versteckte Schnappsflaschen in überraschenden großer Zahl. Man könnte vermuten, dass es dort Brauch sei, auf seinem Heimweg Flaschen entlang des Weges zu garnieren um so die Farben der Natur durch das in Flachen gebrochene Licht besonders erstrahlen zu lassen.
Aber vielleicht sind es auch nur Menschen bei denen die Kraft nicht reicht. Ich stelle mir also vor, wie ausgezehrte Mitmenschen, sich Gewicht entledigen müssen um die letzten Meter bis zum Ziel zu erreichen und mit letzter Kraft und dem Mute der Verzweifelung ihren Wurfarm ausholen um ihren Balast loszuwerden.

Eine weitere Art von Mitmenschen besitzt offensichtlich einen Hund, was kein Vorwurf sein muss. Offenbar hat sich zumindest teilweise herumgesprochen, dass Hundehaufen auf öffentlichen Wegen auch ein Ärgernis für diejenigen sein können, die einen Hund ihr eigen nennen. Eine überraschend hohe Anzahl an Hundebeuteln fanden wir daher auch. Warum diese dann allerdings in Bäume und ins Gebüsch gehangen werden, erschließt sich nicht ganz.
Die Exkremente von Hunden, die in der Natur verroten, mit Plastik zum umhüllen, was nicht verrottet, und dann in die Natur zu werfen macht wirklich keinen Sinn.

Und da derzeit viel über Bildung gesprochen wird. Frage ich mich dann immer zuverlässig wo die Mitbürger, die derlei Beschäftigungen nachgehen, eigentlich im Fach Biologie oder Physik oder Chemie oder Gemeinschaftskunde waren oder überhaupt. Das wird man doch noch fragen dürfen.

Müll, meine lieben Mitmenschen, gehört in den Müll und noch besser man produziert erst gar keinen. Dann müsste man sich auch nicht aufregen. Aber vielleicht würden dann auch einigen Menschen etwas fehlen, auf das sie schimpfen können, um sich so von der eigenen Bekümmertheit des Seins abzulenken.

Herzlich Kasek

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Ein Gedanke zu „Frühjahrsputz“

  1. Man kann das Müll-in-die-Gegend-Werfen und Beutel mit Hundescheiße in den Busch hängen auch als einem Drang zur Gestaltung folgend interpretieren. Im entfernten Sinn ist das Kunst. Dazu gehört selbstverständlich auch eine kompetente Kritik, nich.
    Und: Steuern zahlt doch ein jeder. Auch wenn er/sie keine ans Finanzamt zahlt dennoch: Verbrauchssteuern.

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