Geschichten aus dem Straßenverkehr.

Gestern Abend durchquerte ich auf meinem Fahrrad die Stadt. An einer Ampelkreuzung, die ich bei grün befuhr, zeigte mir ein wartender Autofahrer aus seinem verbeulten Auto einen Stinkefinger.
Wie ich vermute eine abwertende Geste, vielleicht aber auch ein Kommunikationsangebot.

Das Verhältnis von Fahrradfahrer*innen und Autofahrer*innen ist ja mitunter angespannt. Es gibt auf der Straße wenig Platz aber dafür umso mehr Raum sich gegenseitig zu verachten.


Also beschloss ich dem Rätsel auf dem Grund zu gehen, den gezeigten Finger als Kommunikationsangebot zu betrachten und darauf zu reagieren. Ich blieb daher stehen und schaute, je nach Sichtweise ratlos bis verdattert, in Richtung des Autofahrers und garnierte diese Mimik mit einem teilnahmsvollen Schulterzucken.

Der Fahrer reagierte, wie ich erwartet hatte, indem er das Fenster seines Wagens herunterliess und anhub zur Frage: „Du bist doch der Kasek?“.

Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich auch so heiße. Ob ich der gesuchte Kasek also „der Kasek“ bin, wobei ich zugebe, dass der Name in Leipzig vom Aussterben bedroht ist und nur noch wenige Exemplare der Gattung Mensch, diesen wohlklingenden Zunamen tragen (4 um genau zu sein), konnte ich indes nicht beantworten.

Ich frugte den offensichtlich in Besorgnis erregten Autofahrer nunmehr, was sein Begehr sei, nachdem immerhin ich mich vorgestellt und auf meinem edlen Stahlroß seinen Weg gekreuzt hatte.

Er meinte daraufhin, dass ich mich „verpissen solle“. Ich finde, dass immer sehr rücksichtsvoll wenn sich Menschen über solche Kleinigkeiten Gedanken machen, also ob jemand anderes zum Klo muss. Meist treffe ich die Entscheidung, trotz freundlicher Aufforderung, dann doch lieber alleine. Vielleicht meinte er aber auch „verpissen“ in seiner ursprünglichen Form.

Das Verb „pissen“ ist derb, wird umgangssprachlich verwendet und stammt aus der Zeit des 2. Weltkrieges und war die einzige Möglichkeit für Soldaten sich, wenn auch nur kurzzeitig, von der Front zu entfernen.

Nun, bin ich eigentlich nicht dafür bekannt, dass ich mich von irgendeiner „Front“ zurückziehe sondern meist auch dann noch stehen bleibe, wenn es nichts mehr zu gewinnen gibt. Da mir das militärische nicht liegt, beschreibe ich dies meist als Rückgrat.
Sei es drum, der sich in wenigen Luftzügen in Rage erhitzende Bürger meinte jedenfalls, ich hätte über ihn in der Bildzeitung geschrieben, dass er ein „Nazi“ sei.

Gewöhnlich neige ich nicht dazu, Menschen, die in verbeulten Autos sitzen als „Nazis“, übrigens der Kosename von Ignaz, zu bezeichnen und es wäre mir auch neu, dass ich für die BILD schreibe und ich vermute der BILD wäre das auch neu.
Der Bürger geriert immer mehr in Rage und unwirsch presste er die Worte hervor, dass ich doch wissen müsste, über wenn ich in der BILD geschrieben hätte.
Ich entgegnete, dass ich ihn gar nicht kennen würde. Schließlich kann man nicht alle Menschen kennen, die in verbeulten Autos durch die Gegend fahren und sich als „Nazi“ angesprochen fühlen.

Vielleicht also alles eine bedauerliche Verwechselung. Da die Ampelschaltung zu meinen Ungunsten wieder die Farbe wechselte und mehrere Autos angriffslustig Abgase in die Luft pusteten, beschloss ich es dabei bewenden zu lassen, meinen Weg fortzusetzen und das Rätsel einstweilen unaufgeklärt zu lassen. Schließlich kann man nicht alle Rätsel des Lebens innerhalb einer Ampelschaltung lösen.

Wenn allerdings die Ampelschaltung generell für Fußgänger und Fahrradfahrer länger werden würde, was nicht nur gesünder sondern auch eine Förderung der umweltfreundlichen Verkehrsarten wäre mit der Folge, dass weniger Schadtstoffe in der Luft wären, was vielleicht auch den ein oder anderen der vielleicht durch Stau, Abgase und Lärm des Autoverkehrs gestresst ist, entspannen würde, könnte man auch länger miteinander reden und Probleme lösen.

Dafür werde ich mich dann mal einsetzen. So hatte dieser Dialog mit dem besorgten Fahrer in seinem verbeulten Auto, der sich als „Nazi“ fühlte, doch noch sein gutes.
Man muss Menschen schon ernst nehmen, sage ich immer.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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