Aus Gründen – eine Selbsterklärung

Jede Woche bin ich irgendwo unterwegs und versuche neben meinem Beruf, den ich auch für soziale Zwecke nutze, mein Wissen und Fähigkeiten in Initiativen und Vereine einzubringen.

In diesem Fall war es die kurzfristige Anmeldung einer Demo für den Naturschutzbund Leipzig.
Darunter leidet mitunter mein Privatleben, meine Familie und Freunde, für die ich weniger Zeit habe als sie es verdient haben.

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, die sich exponieren werden angegriffen und zwar auch bereits deswegen weil sie Gesicht zeigen, eine Meinung vertreten, sich engagieren.
Die meisten Menschen, die ich kenne, die sich irgendwo exponiert haben, werden das bestätigen können.
Eine Meinung zu haben heißt eben auch, dass man dafür kritisiert werden kann. Doch oft genug ist es keine Kritik, die im besten Fall konstruktiv wirkt, sondern sind es persönliche Angriffe und Unterstellungen.

Es sind nicht nur die Kommentare im Internet, in Leserbriefen es ist ein alltägliches Klima, dass Unsicherheit schafft und den Menschen angreifen soll.
Es ist ein Klima, was andere Menschen auch davon abhält selber etwas zu tun, aus Angst ebenfalls angegriffen zu werden.

In vielen Diskussionen geht es zum Teil auch unterschwellig darum sein Gegenüber verächtlich zu machen, durch Anmerkungen über die Person, das Aussehen, die Sprache. Manchmal direkt, manchmal subtil. Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr ein Argument mit dem man sich auseinandersetzen muss, sondern das Gegenüber. Mit der Meinung muss man sich dann nicht mehr auseinandersetzen wenn die Person des Äußernden erstmal diskreditiert wurde.

Neben Kommentaren über mein Aussehen, die langen Haaren, die Figur und anderes ist es noch eine zweite Angriffsrichtung: die Pathologisierung des Menschen.

Mir wird zum Teil regelmäßig unterstellt, dass ich ein Narzisst sei. Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, die immer nur Teil des Ganzen ist, wird verallgemeinernd betrachtet. Äußerungen und Auftreten in den sozialen Netzwerken, die schon um sich selbst zu schützen, immer auch Inszenzierung sind, gelten dann als Belege.

Abgesehen davon, dass die meisten Menschen keine Fähigkeiten als Psychologen oder Psychotherapeuten besitzen, ist dies ein zutiefst abwertendes Argument. Das Gegenüber wird psychologisiert und damit ausgegrenzt. In meinem Fall durch die Behauptung: krankhaftes Geltungsbewusstsein.

Gegen dieses Vorurteil anzugehen, ist schwieriger als alles andere. Dass was ich tue, Gesicht zu zeigen, tue ich auch um anderen Mut zu machen, um zu zeigen, dass jeder Menschen etwas tun kann, weil ich nicht anders und nicht besonders bin als andere Menschen. Wie kann ich mich dagegen wehren, wenn das was ich tue als Beleg dafür genommen wird eine eigentlich bereits feststehende Meinung zu bestätigen?

Und selbst wenn es so sein sollte, ändert das was an der Gültigkeit der Argumente an der Meinung?

Ist ein Argument weniger treffend weil der/die Äußernde schlank oder dick ist, hübsch oder hässlich, oder zu Depressionen neigt? Und wieviele Menschen sind denn wirklich komplett gesund und entsprechen irgendwelchen Schönheits- und sonstigen Idealen?

Viele Menschen leiden an einer Gesellschaft, an einem gesellschaftlichen Klima, dass die Menschen nicht als soziales Wesen betrachtet sondern als Humankapital und nach ihrer Verwertbarkeit bewertet.
Zeige mir, wieviel Geld du verdienst, wie du aussiehst, wo und wie du wohnst und ich sage Dir wie man mit Dir umgeht!

Ob jemand viel oder wenig Sport macht, ob jemand hübsch oder hässlich ist, dünn oder dick sagt nichts über den Wert eines Menschen aus, aber über die Person des Äußernden, der sich dadurch selbst entwertet. Bodyshaming, psychologisieren, Abwertung ist ein Zeichen der eigenen Armut.

Natürlich ist es sinnvoll zu versuchen und zu begreifen den anderen Menschen zu verstehen, sich einzufühlen um nachzuempfinden warum jemand etwas tut/ sagt.

Aber die Annahme über einen Menschen über Zusammenhänge sollte man regelmäßig überprüfen. Und bereits daran scheitert es oft genug weil die eigenen Vorurteile, eben doch zuallererst als Grundpfeiler des eigenen Seins gesehen werden, als feststehende, unumstößliche Tatsachen.
Menschen machen Fehler. Aber wie soll man sich von Fehlern befreien, wenn die selben Vorwürfe als festehende Tatsachen immer und immer wieder repliziert werden und damit Geltung erlangen?

Mitunter zweifle ich an mir, frag mich ob es das wirklich wert ist.
War es wirklich wert nach Dresden zu fahren, in dem Gefühl wenig tun zu können, Familie und Freunde zu vernachlässigen? Ist es das wirklich wert?

Eine Gesellschaft lebt davon, dass sich Menschen engagieren, einsetzen, handeln, diskutieren und ja auch Fehler machen.
Eine Gesellschaft lebt davon, dass wir uns immer daran erinnern in welcher Gesellschaft wir leben wollen und ich bezweifle, dass die Internettrolle sollten Sie eines Tages ihr Verhalten reflektieren selber in einer Gesellschaft leben wollen, indem ihr Verhalten die Regel ist.

Und wenn wir uns daran erinnern und uns darüber klar werden wie wir als Menschen behandelt werden wollen, dann sollten wir andere Menschen auch so behandeln und anfangen uns für diese Gesellschaft einzusetzen.

Ich Danke ausdrücklich meiner Familie, meinen Freunden und vielen anderen mehr, die mich immer wieder kritisieren und mir auch Mut machen, die mich auf den Teppichboden holen und stützen und die ich trotzdem manchmal vernachlässige. Ohne euch, wäre ich nichts.

Danke

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Ein Gedanke zu „Aus Gründen – eine Selbsterklärung“

  1. Moin,
    ein wichtiges Thema.
    Passender wäre es, von Psychopathologisierung zu sprächen. Immerhin handelt es sich bei „Narzissmus“ (gemeint ist vermutlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung) um eine Psychische Störung. „Psychologisierung“ wäre es, wenn es noch im Rahmen des normalen menschlichen Verhaltens und Erlebens wäre.
    Leider kann sich auch „unsere“ Seite nicht davon freisprechen. In der Hinsicht teilst Du (ich bin mal so frei) ironischerweise ein Schicksal mit Herrn Bachmann, dem auch diverse psychische Störungen unterstellt werden. Dabei wird vergessen/ignoriert, dass, wenn jemand etwas AUFGRUND einer psychischen Störung sagt oder macht, eine politische Auseinandersetzung vollkommen sinnlos und eventuell sogar unethisch ist.
    Anders ist es, wie Du schreibst, wenn jemand etwas sagt und eine psychische Störung hat, in dem Fall sollte man diese Person genauso behandeln, wie jemanden ohne psychische Störung. Und da es selbst (oder gerade) für Fachleute in der Regel unmöglich ist, eine Ferndiagnose zu stellen (sich also nicht direkt mit einer Person austauschen kann), sollte man einfach ALLE Menschen so behandeln als hätten sie keine Störung und ihnen auch keine unterstellen, schon gar nicht, wenn die Unterstellung als Abwertung gemeint ist. Das zementiert nämlich das Stigma, welches psychischen Störungen anhängt und erschwert es Menschen, die eine haben, hilfreich damit umzugehen.
    Danke für Deine Arbeit, ob mit Narzissmus oder ohne 😉

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