Eines langen Tages – Reise in die Nacht. Abschied vom So&So.

Eines langen Tages – Reise in die Nacht. Abschied vom So&So.

Die Nacht, dieser unendliche Möglichkeitsraum, eingehegt auf einem alten Bahngelände im Norden Leipzigs, da wo sonst wenig ist und selbst die Süddeutsche Zeitung über den vergessenen Norden sprach. Da draußen vor der Tür, mitten im Nirgendwo, liegt das So&So

Wenn man an Subkultur, an Clubs, an Freiräume denkt in Leipzig, denkt man an die durchgentrifizierte Südvorstadt mit der Karli, die auf das Bermuda Dreieck in Connewitz zuläuft mit der alternativen Kultur und den wilden Räumen, die in der Öffentlichkeit gern verklärt werden. Im Osten schließt sich Hipsterhausen an, mit eigenen Clubs, Orten und Treffpunkten und den vielen, kleinen halblegalen Ladenkneipen und Kleinclubs, die abseits der Öffentlichkeit Räume geben. Im Westen in Plagwitz, wo der Gründermythos wieder neue Kraft erfahren hat und Stätten entstanden sind und zwischendurch wieder verdrängt wurden. Und in der Karl-Heine Straße jetzt schon Würstchenbuden den Blick stören sollen.

Und im Norden? Was ist im Norden?
Im Norden liegt das So&So. Dieser verspielte Club mit angeschlossenen Bandhaus und eingerichteten Proberäumen, der von außen so unscheinbar aussieht und hinter dem man die Sykline der Stadt sehen kann – Wintergartenhochhaus, Hauptbahnhof, Stadtwerke, MDR Hochhaus. Keine wirkliche Skyline aber eben Leipzig, mein Leipzig, wunderschöne Stadt vom Disneyland des Unperfekten zum Boomtown, wo Immobilienfirmen sich die Nasen plattdrücken, die Preise explodieren und Freiräume verschwinden. Ach Du, geliebte Stadt was ist nur Geschehen?
Wehmut liegt in den Zeilen. Die Stadt meiner Kindheit hat sich herausgeputzt, immer neuer, schöner, greller, teurer. Aber wo bleibt mein Leipzig, die Wildheit, die Räume in denen etwas entstehen kann, Räume, die Menschen mit Ideen und wenig Geld Möglichkeiten geben?

Und dann trittst du ein in die Nacht, hinter dem Tor, vorbei am Einlass und betrittst den Innenhof, mit den Pflanzen und von da aus der Wintergarten auf der einen Seite und der Wandschrank auf der anderen Seite. Kleine Nischen, so voller Liebe und Wärme gestaltet. Von allen Leipziger Clubs, wohl der verspielteste und wärmste. Ein Ort der Träume, ein Ort zum verlieben.
Da wo Menschen angefangen haben sich ein Refugium zu schaffen, ein Ort um anderen Menschen etwas zu schenken – ein Gefühl, ein Gefühl willkommen zu sein und abtauchen zu können.

Die Stadt braucht Menschen, die bereit sind etwas zu riskieren, die bereit sind ein Wagnis einzugehen um Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Stadt lebt nicht im Beton und Steinbunkern, in den Wohnungen sie lebt durch die Menschen und ihre Ideen. Aber die Ökonomisierung macht vor nichts halt. Neue Wohnungen werden gebraucht und Clubs stören da mitunter. Zu wenig Rendite, zu laut, zu unbequem? Ist das wirklich alles? Ist die Stadt der Zukunft am Reißbrett konstruiert und Kultur darf bitte nicht stören und alles, wirklich alles hat sich dem Diktat der Ökonomie zu unterwerfen? Wenn das eure Vorstellung ist von der Welt, dann bin ich lieber weltfremd.

Was ist schon ein Club gegen 300 Wohnungen? Eine Frage, die nur die stellen können, die das schimmernde Dunkel der Nacht, die Kultur nicht kennen, deren Vorstellungshorizont im Kulturbereich bei Theater und Oper endet und im besten Fall noch freie Szene kennt.

Habt ihr einmal die Nacht durchmessen? Vom Beginn bis zum Ende, bis das zarte Blinzeln der Sonne, die Dächer der Stadt in warme Farben taucht und man in den Morgen hinaustritt voller Wärme?

Nun ist das Ende gekommen. Wir haben gekämpft. Petitionen geschrieben, demonstriert und haben für den Erhalt der Träume unsere Stimme erhoben.

Im September haben mehr als 2000 Menschen demonstriert. Ich stehe neben Johannes auf dem Wagen. Worte folgen, emotionale Worte. Denn dieser Traum war auch ihr Traum und Hunderte hören zu, Tränen in den Augen, denn alles steht auf dem Spiel und am Ende, das kein Ende sein muss sondern vielleicht ein Neuanfang verlieren wir.

Jetzt am Wochenende öffnet die schöne, alte Welt ein letztes Mal die Tore zu Nacht, ein letztes Mal eins werden und im Traum aufgehen.

Wir haben gekämpft, wir haben nicht verloren. Wir leben weiter. Und wir werden dafür streiten, dass die Clubs bleiben, dass Freiräume erhalten bleiben, dass die Stadt mehr ist als ein Ort zum arbeiten und schlafen.

Ein letztes mal noch So und So und dann in die ewige Nacht.

Danke an Alle, die den Traum geschaffen und am leben erhalten haben. Danke, an alle Crews und DJs, die dabei waren und die vielen Menschen, die Solidarität geübt haben.

Kein Club ist je vergessen- forever So&So.

50682884_10218363073656075_3327950375603929088_n

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: