Als ich in Leipzig aufgewachsen bin …

Als ich in Leipzig aufgewachsen bin gab es am Bahnhof, am Wintergartenhochhaus, das Café Dresden. Das Bier war billig und es war ein beliebter Treffpunkt für Neonazis.
Und am Wochenende tauchten in der Dunkelheit am Bahnhof immer mal größere Gruppen von Bomberjacken auf – Nazi Skins.

Wenn man anders aussah, oftmals reichte schon ein Kapuzenpullover und längere Haare, entwickelte man einen Sensor für solche Situationen um ausreichend Abstand halten zu können. Angriffe waren keine Seltenheit sondern der Regelfall. Direkt in der Innenstadt trafen sich die Ois, Punks, Gruftis und Metaller, am Bahnhof die Faschos und in Connewitz saß die Antifa. Und zwischendrin gab es noch die Hopser. Und alle die keine Stinos waren mussten damit rechnen mit Faschos Ärger zu bekommen.

Als ich in Leipzig aufgewachsen bin, wohnte ich hinter dem Plattenbauviertel Grünau. Ende der 90er Jahre gab es dort einen Jugendtreff, der von Neonazis dominiert wurde. Das Plattenbauviertel galt als rechts und dort ein durchgestrichenes Hakenkreuz zu tragen als lebensmüde. Das war nicht nur in Grünau so auch Thekla, Paunsdorf, Mockau die Stahlhelmsiedlung in Gohlis und andere Viertel hatten ein Problem.
In der Dunkelheit durch das Viertel zu gehen mit langen Haaren und schwarzen Mantel war wagemutig.
Einmal saß ich in der Bahn, Freitagabend, und etwa 15 Faschos stiegen zu. Mehrere Stationen unterhielten sie sich darüber ob sie mich jetzt zusammenschlagen oder nicht. Sie taten es nicht weil der Anführer keine Springerstiefel dabei hatte und sich seine Schuhe nicht schmutzig machen wollte. Mehr als einmal rannte ich durch die Nacht.

Als ich in Leipzig aufgewachsen bin und auf meinen Schulrucksack ein durchgestrichenes Hakenkreuz trug, hielten mich einige Schulfreunde für komplett irre. Zu groß schien die Gefahr angegriffen zu werden – für ein Zeichen, dass offensiv Nationalsozialismus ablehnt und damit Ausdruck der deutschen Geschichte und des Grundgesetzes ist. Ich trug, wie viele einen Armeerucksack. Irgendwann besorgte ich mir eine alte, schwere Fahrradschlosskette – sicher ist sicher.

Ich bin in einem Leipzig aufgewachsen, indem Anfang der 90er Jahre Neonazi Angriffe auf besetzte Häuser normal waren, wo die Moritzbastei und Konzerte angegriffen wurden. Als es Ende der 90er Jahre im Conne Island eine Konzert, organisiert vom antifaschistischen Schulnetz gab, gab es eine Bombendrohung.

Aber es gab den antifaschistischen Selbstschutz. Es gab eine Telefonnummer, die man bei Faschostress anrufen konnte und nicht selten kamen dann Autos mit Menschen, die die Sache geklärt haben – die Schutz organisierten und im Ernstfall den Nazis deutlich machten, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist.

Das sich in Leipzig was geändert hat und sich Neonazis nicht mehr derart offensiv zeigen hat auch damit zu tun, dass es Menschen gab, die sich offensiv dagegen gestellt haben, die der permanenten Gewaltandrohung durch Neonazis eine Gewaltandrohung entgegengestellt haben. Hat damit zu tun, dass den Neonazis irgendwann klar wurde, dass Neonazis sein auch heißt Probleme zu bekommen.

…..

Als wir 2015 in Dresden in der Nacht in der Bremer Straße, nach einer Demonstration von 50 Neonazi Hools überfallen wurden, kamen zwei Polizeiwagen, nahmen das Geschehen auf und liessen uns in der Nacht zurück – alleine. Einer von uns war im Krankenhaus.

Zwei Anrufe und eine Viertelstunde später standen neben uns 7 Autos der Leipziger Antifa, die vorher an der Demo teilgenommen hatten, brachten alle sicher nach Hause und holten den Verletzten ab.

und wie ZSK völlig zu Recht deutlich machen, „Bei Morden helfen keine Lichterketten“

Danke Antifa.

 

Der Artikel aus der TAZ zum Thema #DankeAntifa

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: