Das Internet unendliche Weiten und die Hölle der sozialen Medien.

Robert Habeck, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS90/ DIE GRÜNEN hat sich aus den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter zurückgezogen. Eine Nachricht, die eine Reihe von Medien dankend aufnahm, was wiederum ein wenig kritisch die Frage aufwirft, ob der begründete Rückzug eines Bundespolitikers von zwei privaten Onlinediensten, die gemeinhin als Datenkraken gelten, überhaupt eine berichtenswerte Nachricht ist.

Bereits daran kann man begründete Zweifel haben. Wenig überraschend ist dem gegenüber das der Beitrag von Habeck, in seinem Blog veröffentlicht, insbesondere auf Twitter ergiebige Diskussionen auslöst, die zwischen Häme und Zustimmung pendeln und hin und wieder auch deutlich machen, dass die Entscheidung ja richtig sei. Was wiederum die Frage aufwirft, wie sinnhaft es ist, zuzustimmen das Twitter laut, aggressiv und polemisch ist und der Rückzug richtig, um genau das auf Twitter zu tun und dann fröhlich weiter zu twittern.

Habeck begründet seine Entscheidung, der ein missverständliches Video vorausgegangen war, dass insbesondere die polemische Art die Twitter eigen ist auf ihn abgefärbt habe und er genau dies nicht wolle.

Nonverbale Kommunikation

Die nonverbale Kommunikation über Mail und die sozialen Medien ist eine höchst unvollständige Kommunikation. Es fehlt die Mimik und Gestik, die den Worten erst eine bestimmte Bedeutung beimessen. Die Verwendung von Emoticons kann nur eine Behelfskrücke sein, die darüber hinaus ebenfalls missverständlich ist. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Informationen entstehen beim Empfänger und werden durch einen Kontext eingeordnet.
Nicht erst seit Aufkommen der sozialen Medien lassen sich regelmäßig die Entgleisungen der Kommunikation verfolgen. Remember Godwin`s law?

Die Hölle der sozialen Medien.

Facebook und Twitter, Snapchat, das Internet haben unsere Art der Kommunikation verändert. Wissenschaftlich erforscht ist, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Die Art wie wir Texte im Internet lesen ist gänzlich unterschiedlich von der Art der Aufnahme eines analogen Textes. Das Internet hat die Kommunikation beschleunigt und die Aufmerksamkeit gesenkt.

Insbesondere die sozialen Medien gaukeln dabei eine Nähe und Vertrautheit vor, die nicht vorhanden ist, was Missverständnisse zur Folge hat.

Seit geraumer Zeit wird die Verrohung des Diskurses beklagt und die Erregtheit der gesellschaftlichen Debatten. Beides Punkte, die durch die sozialen Medien begünstigt werden. Die Währung der sozialen Medien ist die Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit nach der wir gieren, weil es unserem Leben für den Moment eine Bedeutung schenkt. Und es zeigt sich eben auch, dass auch belohnt wird was schnell und dramatisch ist. Bestimmte Meldungen verbreiten sich auch deswegen so gut, weil sie emotional zuspitzen überdrehen und den Diskurs damit auch vergiften können. Erst kürzlich erschien das Buch „Das DIktat des Hashtags“ das die Verschlagwortung zum Gegenstand hat und deutlich macht, wie sehr die Kommunikation in den sozialen Medien uns inzwischen auch außerhalb dieser prägt.

Eine Grundkritik an uns allen, an den Likedealern, an der Gesellschaft der Aufregung und den Narzisten in uns allen, der nach Aufmerksamkeit und Warnehmbarkeit streben und sich nur allzugern in Likes und Kommentaren bezahlen lässt.

Die Entscheidung.

Die ersten feiern Habeck nunmehr als neuen Trendsetter, der uns zeigt das wir uns auf das ursprüngliche besinnen sollten. Eine Deutung, die wahrscheinlich auch Habeck nicht annehmen würden und die auch fragwürdig ist und ein wenig auf den seit Jahren vorgetragenen Abgesang auf Facebook und Twitter erinnert. Ein Abgesang, der den Vergleich mit der Wirklichkeit nicht standhält. Zuviele Vorteile haben soziale Medien, zu spannend ist der Diskurs, zu groß die Möglichkeiten.
Soziale Medien haben Vorteile und die altbekannte Litanei, dass sie zur Verrohung der Kultur beitragen und das böse befeuern ist so altbekannt wie überholt. Und natürlich kann man darauf hinweisen, dass die sozialen Medien auch den Diskurs demokratisieren, ihn vielstimmiger werden lassen und in der Vielstimmigkeit derer die sich äußern auch jene besonders auffallen, die die Nettiquette verletzen.

Statt also sich den Möglichkeiten der sozialen Medien zu verschließen steht eher die Frage im Raum wie können wir verantwortungsvoller damit umgehen und finden in den sozialen Netzwerken zurück zu einer Diskussionskultur, die nicht die Schnelligkeit und Polemik befeuert sondern auch einschränkt und kritisiert?:

Geht es nicht viel eher darum zu begreifen, dass wir die wir die Netzwerke nutzen mit unserem Verhalten und Beiträgen Teil dieser Kultur sind und zur Veränderung beitragen können?

Genau aus diesem Grund halte ich den Komplettrückzug auch nicht für sinnhaft.

Aus der Perspektive von Habeck als Philosophen versteh ich ihn gleichwohl und greife auf die Argumentation einer Freundin zurück, die mir schrieb:

Ich verstehe Habeck aus der Position der*s Philosoph*inn, unsere grundlegende Methodik ist das Bestreben nach (sach)logischer Argumentation, nach Gedankengerüsten die im Vorfeld versuchen mögliche Gegenargumente zu bedenken und Fehlschlüsse zu vermeiden, dazu kommt ein gewisser Reflexionsanspruch zum Moralischen. All das passiert nicht in Schnelligkeit und Emotionalität, sondern in Akribie und Vernunft. Wir spielen mit in einer Gesellschaft der Aufregung und Sensation, der Verantwortungslosigkeit und Aufmerksamkeitssucht. Es ist radikal unaufgeregt zu sein und sich bewusst zu entscheiden nach zeitintensiver Auseinandersetzung. Ich finde, dass Habeck somit wieder bei sich ist.
Fazit: Der Diskurs in den sozialen Medien färbt auf uns ab, verändert uns und zeigt immer wieder und oft seine hässliche, boshafte Seite. Und er zeigt auch das hässliche von uns selbst. Aber wir selber haben es in der Hand, wer wir sind, wie wir kommunzieren und damit umgehen.

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Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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