„Wenn ich aussehen würde, wie meine Freundin…“

Was soll ich eigentlich davon halten, wenn des Nachts, auf meinem Heimweg, ein Auto an der Kreuzung hält, auf dem Rücksitz des Wagens das Fenster heruntergelassen wird und ein junger Mann (um die 30) mir über die Straße zu ruft:

„Wenn ich aussehen würde, wie meine Freundin, würde ich mir Gedanken machen.“

Tatsächlich lief ich neben einer Frau, die ebenso wie ich über lange gelockte Haare verfügte, wobei meine zum Zopf gebunden waren und sie ihre offen trug und während meine dunkel strahlten, glänzten ihre rötlich schimmernden Haare in der tonlosen regenverhangenen Nacht.

Nachdem ich freundlich und bestimmt geantwortet hatte, dass wenn ich aussehen würde wie er, besser gar nichts mehr sagen würde, wobei ich das etwas deutlicher und herber mithin zielgruppenorientierter formulierte, zerbreche ich mir seitdem den Kopf was er eigentlich sagen wollte.

Natürlich ist es naheliegend, dass dieser Mann, der offenbar aus dem Umland kommend am Wochenende mit weiteren Testosteron beladenen Freunden in die Stadt hineinschwappte, in erster Linie eine Herabwürdigung zum Ausdruck bringen wollte und daher platte Klischees bediente.

Eine archetypische Vorstellung dümmlichster Männer, dass der Mann vor allen Dingen stark zu sein habe, während es die vordringlichste Aufgabe der Frau sei gut auszusehen. Der Mann hat daher kurze Haare und die Frau, einem überkommenen Schönheitsideal folgend, lange Haare. Männer mit langen Haaren gelten dann gern als verweiblicht. Eine Sichtweise, die insbesondere bei den extrem Rechten weit verbreitet ist. Wobei ich mich frage, ob die Rechten, die aus irgendeinen Grund, dass Germanentum und die nordische Mythologie so preisen, auch so reagieren würden, wenn ein Germane oder Vikinger oder nordische Gottheit vor Ihnen stehen würde, die allesamt über lange Haare verfügten? Wer weiß.

Mag sein, dass er, begrenzt in seiner eigenen Unzulänglichkeit auch nur meine Eleganz und Schönheit lobpreisen und mich auffordern wollte darüber Gedanken zu machen um Sinne der Selbsterkenntnis dies auch annehmen zu können. Er hätte auch sagen können: „Du hast schöne Haare. Ich wünschte mir, dass ich auch über eine solch anmutige und gepflegte Haarpracht verfügen würde, dann würde man mir vielleicht auch mehr Beachtung schenken und ich würde nicht so ungepflegt aussehen.“

Vielleicht ist es auch in der Gegend aus dem er kommt guter Brauch, dass man wildfremden Menschen über die Straße hinweg Aufforderungen zum Nachdenken zu ruft, um so dass Denken zu fördern?

Vielleicht war dies auch nur der einzige Satz, den er in seinem Zustand hinausbringen konnte.

Wer weiß. Es ist jedenfalls für mich nicht das erst mal, dass ich, vermutlich aufgrund langer Haare, für eine Frau gehalten wurde.

Es erinnert mich daran, dass diese Gesellschaft bei weitem nicht so aufgeklärt und tolerant ist wie sie gern tut, wenn sie über andere vermeintlich rückständigere Kulturen, meint Einschätzungen abgeben zu können und dürfen.

Sexismus und Chauvinismus sind nicht lustig. Aber da draußen gibt es immer noch verdammt viele Menschen, die das glauben, meinen und auch vertreten und deren eigene Vorstellungen von zementierten Rollenbildern lebt, weil sie nicht fähig sind aus ihrer eigenen intellektuellen Armut herauszutreten.

Frauen mit kurzen Haaren sind nicht männlicher und Männer mit langen Haaren nicht weiblicher als andere. Aber Sexisten und Chauvis sind Arschlöcher und das immer und überall.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

5 Kommentare zu „„Wenn ich aussehen würde, wie meine Freundin…““

  1. Meine Oma äußerte sich mal ähnlich wie der Kamerad. Das war vor 50 Jahren und sie stammte, ohne Scheiß, noch aus dem 19. Jh. Wusste nicht, dass mancherorts die Zeit so stehen geblieben ist.

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  2. Hey! Guter Beitrag, der meiner Rubrik „Alltagssituationen“ entstammen könnte. Tatsächlich glaube, ich dass circa 75% unserer Gesellschaft noch nicht RICHTIG aufgeklärt ist. Die diskriminierenden Strukturen, welche sich immer wieder reproduzieren, sind einfach dem Großteil noch nicht klar.

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  3. Wasser predigen, Wein saufen?
    Steine werfen, obwohl man im Glashaus sitzt?
    Ihre Kommentare („begrenzt in seiner eigenen Unzulänglichkeit“ etc pp) unterscheiden sich inwiefern von dem, was Ihnen zugerufen wurde?

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