Ich nehme zur Kenntnis

Ich nehme zur Kenntnis wieviele Menschen sich auf einmal aufrichtig um unsere Demokratie sorgen und dies in vielen Worten zum Ausdruck bringen.
Menschen, die jetzt bekunden, wie wichtig der Einsatz für die Demokratie sei.
Und ich wundere mich ein bisschen wo die Fürsprecher der Demokratie in den vergangenen Jahren waren als die Entwicklung abzusehen war.
Keine Kritik, nur ein wenig Verwunderung.

Muss immer erst etwas geschehen bevor die Notwendigkeit zum Handeln deutlich wird?

Ich wünsche mir, dass aus diesen Worten auch Taten folgen und das Handeln auch dann zählt, wenn sich die große Öffentlichkeit nicht dafür interessiert weil es wieder ein anderer Tag ist nicht nur hier in Sachsen.

Liebe Politiker*innen,
ich nehme zur Kenntnis wie sehr ihr die Zivilgesellschaft und die antirassistischen Initiativen gerade lobt und einen „Ruck“ fordert.
Ich wünsche mir, dass die Menschen und Initiativen in Sachsen, die seit Jahren hier tätig sind, gewürdigt werden und kontinuierlich Unterstützung erfahren und nicht nur dann wenn es opportun ist weil die Medien darüber berichten.
Und ich habe ein wenig Angst, dass wenn das Licht der Kamera verschwunden ist, aus den vielen kleinen Iniativen der Zivilgesellschaft wieder „Nestbeschmutzer“ und „Linksextremisten“ werden weil diese auch dann noch nicht ruhig sind, wenn viele wieder schweigen.
Keine Kritik nur ein klitze kleiner Hinweis zum Thema Glaubwürdigkeit. Und ihr wisst ja, Glaubwürdigkeit ist eine politische Währung, oder?

Liebe Menschen,
Ich nehme zur Kenntnis, dass am Montagabend ein großes kostenloses Konzert in Chemnitz stattfindet unter dem Slogan „wirsindmehr“. Ich weiß, wie wichtig Musik sein kann, wie sehr Musik verbinden kann.
Und ja ich finde es auch gut, dass am Montag das Konzert stattfindet.
Aber es wäre noch schöner, dass die Menschen verstehen, dass es nicht reicht einmal im Jahr zu einem Konzert zu gehen. Demokratie ist jeden Tag eine Aufgabe, jeden einzelnen Tag. Demokratie verlangt von uns jeden Tag eine Haltung und ein Handeln. Dann kann es funktionieren aber eben auch nur dann.
Keine Kritik. Und es geht auch nicht um Rechtfertigungen. Es geht um jeden einzelnen von uns.

Liebe Medien,
ich nehme zur Kenntnis, dass ihr in euren Talkshows das Problem diskutieren wollt. Ich nehme zur Kenntnis, dass ich alte weißhaarige Männer sehe und vermeintliche Politikprofessoren, die seit Jahren Artikel für rechte Medien schreiben, die das Problem hier erklären möchten.

Und ich wundere mich ein bisschen warum ihr liebe Medien auf Menschen wie den ehemaligen Ministerpräsidenten Biedenkopf zurückgreift, der mit seinen Fehleinschätzungen („Sachsen ist immun gegen Rechtsextremismus“) zum entstehen des Problems beigetragen hat statt mit den Menschen zu reden, die jetzt handeln.

Ich wünsche mir, dass ihr mit den Menschen redet und die Menschen einladet die hier leben, die an der Basis arbeiten, die jeden Tag handeln und die keine Politiker*innen sind.

Oder seid ihr schon so in eurer eigenen Blase, dass in Talkshows und auf der großen Bühne nur Politiker*innen statt Menschen reden dürfen?

Keine Kritik aber vielleicht und möglicherweise ist das auch ein Grund für die zunehmende Entfremdung. Einfach so, ein kleine Anregung zum mal drüber nachdenken.

All das nehme ich zur Kenntnis, teils verwundert bis erstaunt, manchmal auch wütend.

Und aus alldem wünsche ich mir Konsequenzen und Folgerungen, wünsche mir einen Nachweis, dass der Mensch wirklich fähig ist zu lernen.

Aber ich bin ehrlich, ich mag mich nicht darauf verlassen. Ich mag nicht darauf hoffen, dass sich etwas ändert weil jetzt, nach Chemnitz, auf einmal alle sich in Berichten, Wortmeldungen und Aktionismus überschlagen.
Wenn ich darauf hoffe, dass irgendjemand für mich handelt, dass irgendjemand mir etwas abnimmt, was ich selbst tun kann, wächst nur die Enttäuschung und irgendwann wird aus dieser Enttäuschung Frustration und aus Frustration wächst irgendwann Wut und vielleicht auch irgendwann Hass.

Ich werde nicht warten. Ich werde so ungern enttäuscht.
Ich mache das was ich tun kann.
Und ich finde, dass das eigentlich eine gute Idee ist, dass jede/r jeden Tag das tut was er/ sie wirklich tun kann.

Ich glaube dann kann es wirklich funktionieren.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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