Das andere Sachsen.

Von außen betrachtet muss es erscheinen, dass in Sachsen der Rechtsstaat zeitweilig außer Kraft gesetzt ist. Als wäre an vielen Orten Rassismus und rassistische Übergriffe nicht eine Ausnahme sondern der Regelfall und ganze Landkreise „No Go Areas“ für Menschen mit Migrationshintergrund und Linke.

Und niemand, der hier lebt, kann angesichts der Vielzahl von Bildern aus Dresden und Chemnitz, aus Freital und Bautzen oder Clausnitz abstreiten, dass es ein Problem gibt oder irgendjemanden verdenken, dass Sachsen von außen erscheint wie eine demokratische Sahelzone.

Ja, wir haben ein Problem. Wir haben ein Problem mit Einstellungsmustern der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Ja, es gibt Rassismus in diesem Land und zwar nicht wenig und ja, wir haben ein massives Problem mit Neonazismus.

Und nein, es wird nicht genügend getan.

Und das ganze hat Gründe.
Gründe, die darin zu suchen sind, dass wir ein Bildungssystem haben, dass auf Ökonomisierung umgestellt wurde und in dem es an politischer Bildung mangelt. Gründe, die darin zu suchen sind, dass in der Schule kein Raum ist um über gesellschaftliche Entwicklungen zu sprechen schon allein deshalb weil es an Lehrer*innen an allen Ecken und Kanten fehlt.
Gründe die darin zu suchen sind, dass das Ziel der Bildung nicht die Herausbildung eines aufgeklärten Menschen ist sondern ein Mensch der bereit ist für den Arbeitsmarkt, für die Verwertung seines Humankapitals.

Die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche, die Bewertung eines Menschen allein nach seiner wirtschaftlichen Leistungskraft, ist ein Problem, sie drängt Menschen an den Rand der Gesellschaft.

Es fehlt an vielen Stellen an Möglichkeiten für Jugendliche und Heranwachsende sich sinnvoll zu beschäftigen. In vielen Regionen gibt es keine Jugendclubs mehr und Stellen für Sozialarbeiter und Streetworker sind nicht vorhanden.

Viele Gemeinden im ländlichen Raum haben darüberhinaus keine Identität mehr. Gemeinden, die verkreisen weil Jugendliche fehlen und deren Innenstädte und Zentren ausgestorben sind, weil die Versorgung über den Discounter am Gemeinderand geschieht und kleine Gewerbebetriebe keinen Nachwuchs mehr finden und schließen.

Für viele Menschen ist der Staat fern. Eine Polizei, die in der Fläche nicht mehr präsent ist, weil sie es nicht sein kann, weil Personal fehlt, ein Staat, der keine Bürgerämter mehr hat weil man sparen will.

Und einige Menschen, die etwas tun wollen, werden in den Mühlen der Demokratie zermahlen. Sie erleben nicht das Demokratie funktioniert sondern wie sie zwischen den Ämtern wechseln müssen ohne das sich etwas tut. Sie erleben keinen Staat, der als Dienstleister der Bürger*innen auftritt und diese unterstützt sondern ein fernes Gebilde.

Es sind nicht wenige Menschen, die ich getroffen habe, die sich einsetzen wollten, die etwas verändern wollten und am Ende an Ämtern und Behörden scheiterten und frustriert zurückblieben.

Die Kluft zwischen Politik und Bürger*innen nimmt zu. Immer neue Verordnungen und Gesetze, immer stärkere Spezialisierung und immer weniger Anbindung an die Gesellschaft. Für viele Menschen erscheinen Politiker nicht als Menschen von nebenan sondern als abgehobene Klasse. Nicht die Demokratie ist in der Krise aber der Parlamentarismus in seiner Ausprägung.

Parteien erscheinen für viele als sich selbst erhaltente Systeme, denen es zu allererst um die eigene Macht und Bedeutung geht und die erst dann in Erscheinung treten, wenn irgendwo eine Wahl ist.

Und nein, die meisten der Probleme sind keine spezifischen sächsischen Probleme. Aber sie finden hier eine besondere Ausprägung. Rassismus fällt eben auch hier auf einen besonders fruchtbaren Boden weil das Problem als solches und die Gründe dafür zu lange nicht wahrgenommen wurden und vieles bis heute relativiert und ignoriert wird.

Aber viele dieser Probleme wären lösbar.
Wir brauchen einen neuen Pakt, einen neuen Aufbruch für ein anderes Sachsen. Es geht hier nicht um kleinere Reparaturen. Es geht um eine grundlegende neue Idee in welchem Land wir miteinander leben wollen.

Und vielen Politiker*innen fehlt es an Visionen. Eine Politik, die sich im klein- klein verstrickt gelingt es nicht die Menschen zu begeistern um für etwas zu stehen.

Ich träume von einem Land, indem alle Menschen teilhaben können. In dem alle Menschen bezahlbaren Wohnraum haben und der soziale Aufstieg nicht von der Herkunft abhängt. Ich träume von einem Land, indem die Menschen miteinander streiten um die besten Lösungen und Konzepte miteinander diskutieren – im Respekt mit- und füreinander.

Ich träume von einem Land wo es egal ist, wo jemand herkommt, wie jemand aussieht oder wenn jemanden liebt, sondern indem nur noch das Verhalten eines Menschen zählt.

Ich träume von einem Staat, der die Mitbestimmung der Menschen will und fördert, der Diskussionen bereits in der Schule zulässt und für den die gesellschaftliche Bildung, die Vermittlung der Grundwerte wie Respekt und Toleranz und die Bedeutung der Menschen- und Grundrechte oberste Priorität hat.

Ich träume von einem Land, indem die Menschen auf einen Staat vertrauen, denn sie selber geschaffen haben, und indem das Geld gerecht verteilt wird.

Ich habe diesen Traum und ich weiß, dass es hier, in diesem Sachsen, indem ich geboren wurde und lebe, viele Menschen gibt die diesen Traum teilen.

Wir sind das andere Sachsen. Das Sachsen für das es sich zu kämpfen lohnt. Ganz egal, was passiert.

Wenn wir wollen dann muss es kein Traum bleiben. Aber dafür braucht es jeden von uns. Jede/r von uns kann wirksam werden und etwas tun. Jede/r von uns ist gefragt an diesem anderen Sachsen mitzuarbeiten.

Wenn wir alle wollen, muss der Traum kein Traum bleiben.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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