Aus Sorge

Bevor ich schlafen gehe, überprüfe ich die Timeline, checke die Mails voller Unruhe ob nicht irgendwo etwas neues Geschehen ist.

Ich erwache und es beginnt erneut.

Immer in der Hoffnung, dass nichts Neues geschehen ist, dass es ruhig bleiben möge. Eine Hoffnung, die trügerisch ist. Probleme lösen sich nicht durch Ignoranz oder allein durch Hoffnung. Es ist wie 2015/2016 als jeden Tag irgendwo in Sachsen ausländerfeindliche Demonstrationen stattfanden und Notunterkünfte angegriffen wurden.

Und ja, ich habe Angst. Angst, wie in den 90er Jahren, als ich jung war und ein durchgestrichenes Hakenkreuz auf meinem Rucksack schon Grund genug war, komisch angeschaut zu werden.
Ein durchgestrichenes Hakenkreuz ist nicht links, es ist die Grundvoraussetzung einer Gesellschaft, die im Abkehr zum Nationalsozialismus entstanden ist, mit dem Versprechen, dass so etwas nie wieder geschehen möge.

Dann laufe ich durch meine Stadt – Leipzig. Ein völlig normaler Tag und es fällt mir unglaublich schwer die Bilder von Montagnacht in Chemnitz mit den Eindrücken jetzt in Verbindung zu bringen. Menschen strömen vorbei, sind unterwegs, irgendwohin, Alltag, in einer deutschen Stadt.

Es sind Nachrichten aus einem fernen Land.

Es ist unglaublich leicht, den Rassismus, die Verrohung zu übersehen, wenn man zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gehört und sich nicht damit auseinandersetzt.
Es ist leicht, so zu tun, als ob es hier um ein Problem von links und rechts gehe. Wenn man sich das lange genug einredet, dann kann man so tun, als gehe uns das alles gar nichts an. Als wäre all das nur ein Problem der Ränder. Wenn man nur lange genug daran glaubt, kann man sich erklären, dass es nur um die berechtigte Sorgen und Nöte von Menschen gehe.

Welche Sorgen eigentlich? Deutschland ist immer noch eines der reichsten Länder der Welt. Der Steuerüberschuss den die Bundesrepublik dieses Jahr erzielt hat ist gigantisch. Wir müssen keinen Krieg fürchten. Und es gibt ein Existenzminium. Nein, Deutschland ist nicht gerecht aber welche berechtigten Sorgen können wir geltend machen? Die fehlenden KitaPlätze, die Armut, die ungerechte Verteilung wird nicht durch Menschen verursacht die fliehen, das Problem war vorher schon da. Die Kriminalität? Die Kriminalität geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Und nein, ich verkenne nicht, dass wir trotzdem energischer handeln müssen um die Sicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Unser Zusammenleben passiert auf der Grundlage, dass der Staat das Gewaltmonopol ausübt und wir nicht mit Selbstjustiz handeln.

Und irgendwo sitzen Menschen und reden sich erst in Angst und dann in Rage.

Hier in meinem Land gelten die Gesetze für Alle. Und mir persönlich ist es egal, wo jemand herkommt wenn er einen anderen Menschen beleidigt oder angreift. Das Gesetz unterscheidet nicht. Aus guten Gründen.

Schweigend sitze ich vor den Nachrichten, wühle mich durch den Wust an Meldungen und merke Trauer und Fassungslosigkeit in mir aufsteigen.

Wie kann das was in Chemnitz geschah rechtfertigen? Ein Mensch ist tot und seine Freunde machen deutlich, dass er, der Tote nie gewollt hätte, dass jetzt Rechte seinen Tod zum Anlass nehmen um ihren Hass freien Lauf zu lassen.

Montagabend wurde in Chemnitz „Ausländer Raus“ gerufen und „Deutschland den Deutschen“. Menschen, die trauern hassen nicht.

Es gibt keine Rechtfertigung für Hass. Und es kotzt mich an, wie selbstgefällig angebliche Experten dasitzen und das Geschehen in Verbindung mit der Aufnahme von Geflüchteten bringen, so als wäre es eine Rechtfertigung für Hass. So als gebe es eine Entschuldigung dafür, dass man Steine und Flaschen wirft, Hitlergrüße zeigt, so als können man sein eigenes armes Leben dadurch rechtfertigen, dass man andere Menschen hasst.

Letzte Woche Mittwoch, als 800 Menschen friedlich in Leipzig das Ende der Sperrstunde feierten, saß ich am Ende noch in einem Club. Ein junger Mann kam auf mich zu – weiß. Wir redeten miteinander. Er hatte, wie seine Freunde auch, einen Migrationshintergrund und erzählte mir, dass er sich am Mittwochabend in Leipzig, als wir tanzten und gemeinsam feierten, zum erstenmal seit langer Zeit wieder willkommen und sicher gefühlt habe, als wäre es wirklich egal wo jemand herkommt.

Ich hörte ihm schweigend zu. Hier in meiner Stadt, haben Menschen Angst weil sie anders aussehen, weil sie von woanders kommen, weil sie anders sind. Ich konnte es nicht fassen, nicht glauben. Könnt ihr erahnen, wie sich Menschen fühlen, hier im Osten?
Aber, aber die Ausländer…. Einen Scheiß, man. Wirklich, weil unter den Menschen mit Migrationshintergrund auch Menschen sind, die die Gesetze nicht achten sind alle anderen das Problem? Wie dumm sind wir eigentlich. Mit der gleichen Argumentation sind alle deutschen Nazis oder Hooligans oder Verbrecher.

Und es gibt Menschen, die meinen das tatsächlich so, dass für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Maßstäbe gelten. In dem Land, in dem ich wohne, gibt es eine Grundregel und die lautet: alle Menschen sind gleich. Es ist die Grundregel auf der unser Zusammeleben beruht.

Für Hass und Gewalt gibt es keine Rechtfertigung. Ein Mensch wird nicht dadurch gesühnt, dass andere Menschen leiden. Ein Verbrechen nicht dadurch rückgängig macht, dass andere Menschen dafür büssen. Ungerechtigkeit wird nicht dadurch geringer, indem ich Schwächere ausgrenze.

Sind wir wirklich so dumm?

Ein letzter Blick in die Timeline und Mails. Am Sonnabend wollen wieder Rechte in Chemnitz aufmarschieren und hassen und meinen es sei gerechtfertigt.

Und am Sonnabend werde ich wieder nach Chemnitz fahren. Nicht weil ich links bin sondern weil es in meinem Land egal ist wo jemand herkommt, in meinem Land zählt nur was jemand tut und für Hass und Gewalt gibt es keine Rechtfertigung.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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