„Kein Badespass für Nazis“ – über den Umgang mit Aufmerksamkeit und die AfD

Gauland bezeichnet NS Zeit als Vogelschiss in der Geschichte

Unbekannter bestiehlt Gauland beim Baden

Mutmaßlicher Naziangriff auf linkes Zentrum in Salzwedel

Eine Woche 3 Meldungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch alle irgendwie zusammenhängen. Während die erste Meldung breit in den Medien diskutiert wurde und von vielen geäußert wurde, dass nun eine rote Linie überschritten worden sei, ging die zweite Meldung sofort viral und führte zu einer Debatte darüber ob man darüber lachen kann oder darf. Die letzte Meldung, die wirklich besorgniserregend ist, weil 10 Männer einen linken Jugendklub überfielen und gezielt auf Personen einschlugen, tauchte hingegen nur in regionalen Medien und dem Neuen Deutschland auf. Es war keine große Meldung mehr wert.

In diesem direkten Kontext fällt das krasse Missverhältnis der Meldungen und der dazugehörigen Inhalte sowie deren Rezeption in Gesellschaft und Medien auf. Es ist auch eine Erklärung warum die AfD aufsteigen konnte – profan ausgedrückt ist es der Aufstieg und die Sehnsucht nach dem „Bösen“.

Die Einlassungen von Gaulands zur NS- Zeit verfolgen ein bekanntes AfD- Schema: der Einsatz von gezielten Tabubrüchen, die im Nachhinein ein bisschen relativiert aber nicht zurückgenommen werden. Ebenso wie die Reaktionen aus Politik und Gesellschaft, die unisono die Äußerung verurteilen, dass Kernproblem aber nicht offensiv benennen. Das Problem ist der ambivalente Umgang mit der AfD. Nicht das Auftreten der AfD hat zu einer erheblichen Diskursverschiebung geführt sondern diejenigen, die AfD Parolen und Forderungen legitimieren indem sie diese aufnehmen weiterverbreiten und gesellschaftsfähig machen. Es sind die Seehofers, Lindners und Wagenknechts, die mit einer rhetorischen Mischung aus Vorurteilen gegenüber Geflüchteten und neu entdeckter „Heimatliebe“ als schlecht getarnter Nationalismus versuchen zu punkten und damit den Diskursrahmen verschieben. In diesem Diskursrahmen sind selbst Gewalt- und Auslöschungsfantasien inzwischen denk- und sagbar.

Es ist auch eine Kritik an denjenigen, die hinsichtlich immer neuer Tabubrüche forderten, dass man mehr Verständnis haben müsse, dass man die „Sorgen und Nöte“ ernst nehmen müsse, ganz so als wäre Menschenfeindlichkeit das Ergebnis einer liberalen Gesellschaft und mit ein wenig mehr an politischer Bildung zu beseitigen.

Wir sehen dabei zu, wie die demokratischen Grundlagen einer Gesellschaft unterminiert werden und statt einer entschlossenen Verteidigung dieser Grundordnung sehen wir dabei sprachlos zu.

Dieses Ohnmachtsgefühl zeigt sich dann auch beim Umgang mit der Meldung „Kein Badespass für Nazis“. Tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt und heftig darüber diskutiert, ob man sich darüber freuen darf oder kann. Natürlich handelt es sich um eine Straftat, ein Vergehen.

Aber unsere und auch meine klammheimliche Freude beruht daher, dass der „Nazi-Opa“ bloß gestellt wurde. Es ist ein Reflex, nachvollziehbar und zunächst einmal menschlich. Im Gegensatz zu Mitleid, wird Schadenfreude nur empfunden und Häme kommuniziert, wenn der Schadensfall als verdient angesehen wird.

Die Schadenfreude rührt daher, dass der Dieb gerufen hat „Kein Badespass für Nazis“, und damit dem Ganzen eine politische Note verleiht, die Schadenfreude als Emotion und Häme als kommunikativen Akt auslöst.

Die Diskussion darüber zeigt allerdings auch das ambivalente Verhalten gegenüber der AfD. Wir diskutieren ernsthaft darüber ob man für die AfD nicht Verständnis haben müsste oder Schadenfreude empfinden darf, währen die AfD den Diskursrahmen immer weiter verschiebt und klar rassistische Botschaften verbreitet.

Nein, die AfD ist keine demokratische Partei. In einer kleine Anfrage der AfD im Bundestag wurde nach der Zunahme von Behinderungen gefragt. In einer weiteren Frage sollte erklärt werden ob es einen Zusammenhang zwischen Behinderungen und Inzest gebe und wie viele Fälle davon auf Ausländer zurückzuführen seien. Die Vermischung von Behinderungen, Inzest und Ausländern ist purer Rassismus. Und es sind keine Einzelfälle, es ist die Strategie der AfD, die nichts weiter ist als eine faschistische Partei, die mehr und mehr zu Wiedergängerin der NS-Zeit wird.

Das Ergebnis einer Gesellschaft in der Gewalt- und Ausgrenzungsfantasien normal werden sind Überfälle auf Salzwedel die in der Berichterstattung und Rezeption bestensfalls noch Fußnoten sind – Menschenfeindliche Übergriffe, Sexismus, Rassismus sind in Deutschland inzwischen normal geworden.

Und das ist eigentlich das Bestürzendste an der ganzen Diskussion. Die Demokratie wird am Ende nicht an ihren Feinden zugrunde gehen sondern daran, dass zu viele angesichts dessen Schweigen und es zu wenige sind, die die Demokratie laut und entschlossen verteidigen.

Unser Problem ist sicher nicht ein Diebstahl aus welchen Motiven er auch immer erfolgte. Unser Problem ist, dass NS Relativierungen und Menschenfeindlichkeit wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Es sollte der gemeinsame Nenner aller Demokraten seien, egal in welcher Partei, gemeinsam dagegen vorzugehen.

 

 

 

 

 

 

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

Ein Gedanke zu „„Kein Badespass für Nazis“ – über den Umgang mit Aufmerksamkeit und die AfD“

  1. Einspruch, Euer Ehren! Das Problem ist nicht der Mangel an Widerspruch. Das Problem ist die Wahl der Mittel des Widerspruchs, die sich kaum noch von denen des totalitär-dümmlichen Gegenübers unterscheiden. Verharmlosungen, Relativierungen, Whataboutism und das beliebige Vermischen von semantischen und moralischen Ebenen, oder eben schlichtweg dummdreiste Beleidigungen und Häme. Genau dieses Zuerst-Vorwerfen-und-dann-Nachmachen, gemischt mit dem arroganten Wir-sind-die-Guten-und-dürfen-das-Dogma, dürfte bei vielen „Mitt“-Bürgern für Irritationen sorgen (ggü. einer sich sonst stets als intellektuell und methodisch korrekt gebenden Linken). Und genau das kann die Demokratie zerstören, wenn man es nicht bringt, diese kommunikativ-kriegerische Abwärtsspirale zu durchbrechen und zu einer generellen und „gebildeten“ Korrektness in Sprache und Aktion zurück zu finden. Und zwar dort wo sie in dieser, unserer Demokratie verortet sein sollte: Mitte-links.

    Ich las letztens in einem Artikel, dass man diesen in Europa stattfindenden Kulturkampf auch als Kampf zwischen gesellschaftlichem Idealismus und Realismus deuten kann. Mein Gedanke dazu: Ideale vor sich selbst zu verteidigen ist schwer, schwerer sicherlich als Realitäten zu benennen (oder radikal umzudeuten). Realität ist opportun und flüchtig. Ein Ideal muss bestehen können und unterliegt einer gewissen Selbst-Disziplin, durch den Verteidiger.

    Und ja: Diebstahl ist scheiße! Aber kommt ey, es traf den Richtigen, und das wissen wir alle. Und man kann immer was lernen: Wer gänzlich frei von Schadenfreude ist, der werfe den ersten Stein!

    Mensch sein heißt auch dummes Säugetier sein. Dazu kann man durchaus stehen. Und versuchen, dazu zu lernen.

    Und also sprach Zarathustra. 😉 😀

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