Ein Plädoyer für die politische Mitte in Abgrenzung zu den politischen Extremen

In der Reihe „politische Mitte“, wurde zunächst die Mitte als Konstrukt entlarvt, dass zum politischen Meinungskampf nicht taugt. Dem widerspricht nun Karsten Wollersheim, der deutlich macht, dass die Mitte die Abgrenzung zu den Extremen bedeutet.

„Fehlt einem sozialen Gebilde die gestalthafte Mitte von vornherein, so ist kaum anzunehmen, dass es je, außer in ekstatischen Momenten, eine Gemeinschaft gewesen ist.“ Schreibt der Philosoph Helmuth Plessner (1892-1985) in seiner Schrift „Grenzen der Gemeinschaft“ 1924.

Natürlich produziert diese Aussage Kritik. Zumeist dahingehend, dass die „Mitte“ eine Kuscheloase sei, in der sich der Mensch nicht positioniert. Auch wenn diese Denkweise fest in unserer Kultur verankert ist, werde ich nachfolgend versuchen zu begründen, dass genau das Gegenteil der Fall ist und nicht die Mitte, sondern die radikalen Ränder die Kuscheloasen sind.

Aristoteles (384-322 vor unserer Zeitrechnung) behauptet, dass es nur Sinn mache über etwas zu reden, wenn dieses mit „wahr“ oder „falsch“ begründet werden kann. Spätestens hier wurde der Grundstein, für den für uns bis heute prägenden Dualismus gelegt. Schon Nietzsche schrieb in seiner kurzen Schrift über die Sprache, dass wir nur in Extremen denken und da wir in Sprache denken, haben wir für das Medium noch nicht einmal Begriffe. Es ist etwas schön oder hässlich, gut oder böse, wahr oder falsch. Da wir heute aber wissen, dass der Mensch die absolute Wahrheit nicht erkennen kann, entspringt dem Dualismus immer Streit und Zwietracht. Bezugnehmend auf das Thema äußert dieser sich schon darin, was nun „links“, oder „rechts“ überhaupt sei.

Plessner definiert die politischen Extreme dahingehend, dass sie ihre Entscheidungen an Dogmen festmachen, also ihre letzten Begründungen nicht mehr hinterfragen. So fällt der dogmatische Marxist seine Entscheidungen nur danach, ob sie der unterdrückten Arbeiterklasse nützt. Dies ohne zu hinterfragen, ob es diese Arbeiterklasse, die verkaufsfähige Güter produziert, überhaupt noch gibt. Ohne zu hinterfragen, ob der Mehrwert wirklich dann Mehrwert ist, wenn dieser über die Eigenkosten des Produktes hinaus produziert wird, oder er es erst wird, wenn das Produkt auf einem Markt verkauft ist. Dann wäre aber auch der Kapitalist an der Produktion des Mehrwertes beteiligt und der marxsche Begriff der Unterdrückung nichtig.

Oder der dogmatische Grüne, der Handlung nur zulässt, wenn diese der „Natur“ nützt bzw. nicht schadet, ohne zu hinterfragen, ob es diese überhaupt noch gibt. Vielleicht ist auch der letzte Baum, im von der Zivilisation entferntestem Regenwald, vom Menschen betroffen, z.B. durch sauren Regen. Somit gebe es vielleicht gar keine Natur mehr, sondern nur noch Kulturlandschaften. Es ist auch sehr wohl möglich, dass es nachfolgenden Generationen ziemlich egal ist, ob es den Schwarzstorch noch gibt, oder nicht und es somit fraglich ist, ob wir unsere Handlungen danach ausrichten müssen.
Oder der völkische Dogmatiker, der nicht hinterfragt, ob menschliche Handlungen allein einer emotional begründeten Freund – Feind Kategorie unterliegen, oder ob auch sie mit einer rationalen Idee einer weltweiten Solidargemeinschaft besetzt werden kann.
Dieser Rechts – Links Dualismus unterbreitet den „Wählern“ nun seine Angebote, seine Dogmen und der „Wähler“ hat, wie der Name schon sagt, nur die Wahl sich zwischen den dualistischen Polen zu entscheiden.

Es drängt sich aber zunehmend der Gedanke auf, dass der Wähler kein Wähler mehr sein möchte, sondern Mitgestalter. Weiterhin hat es den Eindruck, dass Parteien genau diese Aufgabe nicht mehr bewältigen können. Sie scheinen zu statisch, zu sehr von ihren Dogmen festgehalten.

Die Zukunft stellt die Aufgabe, aus unendlich vielen Meinungen, gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen und sie stellt die Aufgabe all diese Meinungen als gleichberechtigt zu behandeln. Nehmen wir das Beispiel „Bildung“. Hier hat der Neurowissenschaftler eine andere Meinung als der Sozialwissenschaftler, der Lehrer wieder eine andere, die Eltern schulpflichtiger Kinder haben auch ihre eigenen Meinungen und die Schüler sowieso. Jeder hat seine individuelle Wahrheit. Plessner nennt dies „aspektives Erkennen“, also jeder Einzelne erkennt nur bestimmte Aspekte eines Ganzen, je nachdem, wie er zum Erkenntnisobjekt positioniert ist. Jetzt gilt es mit diesen unendlich vielen individuellen und gleichberechtigten Meinungen in einen gesellschaftlichen Diskurs zu gehen. Mit einem Vor-urteil, also einem Urteil VOR dem Urteil, um im Austausch mit anderen Vor-urteilen zu einem Urteil zu kommen. Im idealsten Fall zu einem Konsens, Habermas würde sagen, auf der Basis der besten Argumente. Eine gesellschaftliche Entscheidung also, die aus der Mitte der Gesellschaft entsteht, die aber zugleich auch wieder neu hinterfragt wird, da sie wieder neue Erfahrungen produziert, welche wieder neue Erkenntnisse freisetzt.
Ich denke es ist nötig darüber zu diskutieren, wie wir diesen Weg ermöglichen, nicht darum, ob links oder rechts, böse oder gut ist.
Links – Rechts Dogmen geben uns nur scheinbar einen Halt, aber eine sich ständig, immer schneller sich ändernde Wirklichkeit, fließt daran vorbei.
Eine monistische Auflösung, also ein entweder – oder, ist letztendlich eine Verletzung des Menschen in seiner Würde. Stattdessen steht die Aufgabe uns auf die Suche zu machen, Mittel und Wege zu finden, um aus unendlich vielen, sich ständig ändernden, gleichberechtigten individuellen Wahrheiten, gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen, also Entscheidungen die aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstehen.

Karsten Wollersheim
Plauen, 22.05.2018

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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