Hai frisst Hai – Warum der Fall Karstadt Beachtung verdient.

Karstadt in Leipzigs Innenstadt soll weichen. Der Eigentümer fordert eine Mieterhöhung von knapp 70 % und der Betreiber will sie nicht zahlen. Was droht ist die Schließung und der Verlust von 400 Arbeitsplätzen.

Doch Karstadt und mit ihm auch einmal die Parteien im Stadtrat kündigen den „Häuserkampf“ an. Man wolle sich dafür einsetzen, dass Karstadt bleibt – das Traditionsunternehmen, dass so wichtig ist für die Leipziger Innenstadt. Man wolle Druck aufbauen um den Eigentümer zum Einlenken zu bewegen, hört man. Der Oberbürgermeister mischt sich ein, selbst die CDU verfasst markige Posts. Auf einmal wird am Beispiel Karstadt, das Problem der Verdrängung von Mietenwahnsinn allgegenwärtig.

Rhetorik, für die man sonst als „linksextrem“ gebrandmarkt wird ist im Fall Karstadt auf einmal konsensfähig. Ihr kämpft für Arbeitsplätze? Ich nenne euch verlogen!

Es gibt mehrere Ebenen, auf die man achten muss und sollte.

Ist es emanzipatorische Politik für einen Konzern wie Karstadt zu kämpfen? Ich habe da Zweifel. Aber die dahinter stehende Systematik verdient Beachtung. Denn unabhängig wenn es trifft ist es das bekannte System: Mieterhöhung und Verdrängung, nur das es diesmal einen Konzern trifft und mit ihm auch die Beschäftigten und weil es Prestige verschafft gibt es auf einmal Solidarität.
Solidarität, auf die andere von Mieterhöhung und Verdrängung Betroffene nicht hoffen dürfen.
Wenn interessiert schon die inidividuelle Geschichte von jungen Familien, die keine bezahlbare Wohnung mehr finden oder das alte Ehepaar, dass nach 30 Jahren umziehen muss, weil sie sich die Wohnung nicht mehr leisten können – Einzelschicksale. Einzelschicksale, die kaum interessieren.

Wo ist da eure Solidarität? Wo ist da die Bereitschaft zum „Häuserkampf“ und sich endlich dafür einzusetzen, dass es ausreichend bezahlbaren Wohnraum gibt und Wohnungen von Menschen nicht zur Spekulationsmasse werden?

Es ist solidarisch mit den Beschäftigten von Karstadt zu kämpfen, nicht für den Konzern, und offensiv die Systematik von Mieterhöhung und Verdrängung zu kritisieren.

Aber darf ich erwarten, dass auch diejenigen, die nicht für 400 Arbeitsplätze stehen sondern einfach nur Menschen sind, dann demnächst Unterstützung erfahren? Darf ich erwarten, dass die Solidarität auch denjenigen gilt, die ihr Leben eigenverantwortlich gestalten und auf Wagenplätzen leben oder Häuser und Raum Instand besetzen?

Die Leipziger Innenstadt ist längst zu einem Nicht-Ort geworden, welche den Bedürfnissen von Konsum und Tourismus untergeordnet ist. Erst verschwanden die kleinen Läden, jetzt die Größeren am Ende bleiben seelenlose Konsumtempel, die nicht den Menschen dienen und der Platz dazwischen ist der Platz zum Transit zwischen den Tempeln des Mamon. Eine Gesellschaft, die keine Räume mehr bereithält wo sich Menschen treffen und verständigen können, über alle Grenzen hinweg, fällt auseinander.

Immer wieder wird versucht Randgruppen aus der Innenstadt zu verdrängen. Punks und Bettler, Abgehängte stören den Eindruck glänzender Fassaden.

Diese Stadt gehört immer noch den Menschen und nicht den Konzernen oder Global Playern.

Auch dafür gehen wir am 20.04. auf die Straße und zeigen Solidarität. Eine Stadt für Alle, heißt eben auch nicht nur bezahlbaren Wohnraum zu haben sondern auch Räume für alle Menschen zu haben und Austausch zu ermöglichen: Eine Stadt für Alle heißt eben auch, dass Wagenplätze und Rentner genau dieselbe Solidarität verdienen wie die Beschäftigten der Konzerne. Dafür streiten wir.

Und euch liebe Parteien, die ihr so gern an der Seite von Karstadt kämpfen wollt, werden wir an jedes einzelne Wort erinnern, wenn wieder irgendwo geräumt wird und Menschen Profiten weichen müssen.

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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