Eines langen Tages, Reise in die Provinz… oder ein normales Fußballspiel in Sachsen.

Der Rote Stern Leipzig traf am 15.10.2017 auf den TSV Schildau. Siebte Liga Sachsen. Ein nicht ganz normales Fußballspiel aber vielleicht deswegen doch alltäglich, zumindest hier in Sachsen.

Es hätte ein wunderschöner Herbsttag sein können, garniert mit ein wenig Fußball. Also quasi die Vorstellung eines entspannten Sonntags, wenn man ein Interesse an Fußball hat.

Aber dann kommt es zu Übergriffen, einem Platzsturm und zu beschädigten Autos. Der Rote Stern fährt in die Provinz nach Schildau und trifft erwartungsgemäß auf das, was man genau hier erwarten muss und erwarten konnte. Was eigentlich alle erwartet haben aber trotzdem zuverlässig geleugnet wurde.

Spätestens seit 2010 als der Rote Stern in Schildau spielte und der MDR filmte wie die Neonazi Kameradschaft der „Schildauer Jungs“ einen Platzsturm versuchte, durfte man wissen, dass es ein Naziproblem gibt. Und auch als im Frühjahr beim Spiel Vertreter aus der rechten Free Fight Szene aufkreuzten und einschlägig bekannte Neonazis konnte man ahnen, dass es hier möglicherweise ein Problem gibt. Man hätte es halt nur wahrnehmen müssen und wollen.

Aber man hört die immer gleiche Litanei. Es gehe hier eben nur um Fußball und man möchte doch bitte nur Sport betreiben, alles andere sei eine unnötige Politisierung. Antirassismus im Sport ist in Sachsen eine unnötige Politisierung.

Aussagen, die die Täter/ Opferperspektive verdrehen und klar machen, dass Problem ist nicht der Rassismus oder das Auftreten von Neonazis, sondern das Problem ist, dass es Menschen gibt die der Menschenfeindlichkeit widersprechen.

Die Provokation bestand darin, dass unter anderen Shirts getragen wurden mit der Aufschrift: „Nazis Raus – Aus den Stadien“ (ursprüngliche Kampagne von Babelsberg 03).

Also eigentlich genau, dass was der DFB fordert. Diskriminierende Äußerungen haben im Sport und in unserer Gesellschaft nicht zu suchen – könnte man meinen. Ist schließlich die Leitkultur, die das Grundgesetz als Werterahmen vorgibt.

Aber klar, diese nicht mal klare Positionierung, die eigentlich nur das Grundgesetz wiedergibt wird hier als Provokation gesehen.

Denn die Nazis, tauchen ja nur auf wenn der Rote Stern kommt. Man will alles nur keine Aufregung und bitte keine Auseinandersetzung, denn die Probleme sind unter dem Teppich am besten aufgehoben. Fragen Sie mal beim sächsischen Fußballverband des Präsident CDU Abgeordneter ist und der schon mal eine Koalition mit der AfD ins Spiel brachte.

Also kommen wir in Schildau an, auf dem Marktplatz stehen Jugendliche die zum Anlass passend ein Shirt mit der Aufschrift „Heilfroh“ tragen, wobei der erste Wortteil in Fraktur geschrieben ist, damit die Botschaft auch dem letzten Deppen dämmert. Das nämliche T-Shirt ist dabei ein Fanshirt der Band Lunikoff Verschwörung, die wiederum das Nachfolgeprojekt des Ex- Landser Sängers Regener ist.

Während des Spiels hört man vereinzelte „Judenstern“ und „Zeckenpack“ rufe, von Testosteron vollgedopten Jungmännern im „Fck Israel“ Shirt , die mit dem Choral „Nazischweine“ beantwortet werden, was natürlich für den heimischen Verein die eigentliche, man ahnt es, Provokation ist.

Nur weil da ein paar Jugendliche, die man eigentlich gar nicht kennt, sich mal daneben benehmen und so ein bisschen antisemitisch daherkommen darf die Anhängerschaft des Stern noch lange nicht „Nazischweine“ rufen. Denn davon fühlen sich dann alle verunglimpft.

Am Ende jedenfalls versuchen die Nazis, die man hier gar nicht kennt, einen Platzsturm und werden von der Polizei zurückgedrängt. Mit dabei Vermummung und Hitlergruß. Und weil das noch nicht reicht wird der Konvoi der Sternenflotte in Schildau mit Flaschen und Steinen eingedeckt was in zwei Fällen zu Blechschäden führt.

Aber Nazis hat es hier ja nie gegeben. Und man muss es auch verstehen. Menschenfeindlichkeit zeigt sich immer nur dann wenn der Gegenpol da ist. Dann bricht die ganze Hässlichkeit, die immer schon da ist, heraus. Dann lässt es sich nicht ignorieren, dass hier Vorurteile und dumpfe Dummheit schlummern und das wegsehen und relativieren keine Lösung ist, noch nie war.

Und das ganze könnte man dann als Anlass nehmen sich grundlegend mit dem Problem auseinanderzusetzen. Könnte man. Wird man aber nicht machen. Warum auch, wir sind ja immer noch in Sachsen. Und da gilt die Devise: bitte nicht stören. Und stören tun nur die, die sich mit den Zuständen eben nicht abfinden wollen.

Fußball wurde übrigens auch gespielt. Am Ende gewann der Stern deutlich mit 4 zu 0. Ein wichtiger Dreier auf dem Weg zum Klassenerhalt aber nach den Geschehnissen ist das eigentliche Entscheidende dann auch nur eine Randnotiz.

Update 17.10.: Die Pressemitteilung des Roten Stern zu den Vorfällen: http://roter-stern-leipzig.de/news728.html

Autor: juergenkasek

Lebe lieber ungewöhnlich. Rechtsanwalt, Politiker, Aktivist, Umweltschützer, Blogger, Sportler

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