Ein Tag in Sachsen – eine ironische Intervention.

Einige Worte zu Beobachtungen in und über Sachsen.

Löbau. Tag der Sachsen, 02.09.
####################
In Löbau findet das größte Volksfest des Freistaates statt. Auf unzähligen Bühnen wird hauptsächlich Kirmestechno im Schlagerverschnitt gereicht oder gleich reiner Schlager, zwischendurch gern auch von festlich geschmückten Chören Heimatlieder gesungen. Das Programm ist ohnehin so gestaltet, dass man von den Bühnen mit politischen oder gesellschaftlich interessanten Themen nicht belästigt wird. Schließlich will man die Menschen nicht überfordern. 

Direkt am Bahnhof hat die Bundeswehr Stellung bezogen. Weswegen ankommende Reisende einerseits mit Tinnitus fördernder, oben beschriebener Musik begrüßt werden, während sie gerade zu in Kanonenrohre schauen. Zu stören scheint das niemanden. Stattdessen stolze Selfies vor und mit Panzern und Kinder in Armeeuniformen. War da nicht mal was? Ach lassen wir das.
Die Sonne geht auch in Sachsen auf. Eine Feststellung, die man erwähnen muss.

Das Hauptinteresse der Gäste scheint mehrheitlich darin zu bestehen kostenfreie Gimmicks mitzunehmen, die man als nützliche Accessoirs auch im realen Leben gebrauchen kann. Beliebt sind wie überall Kugelschreiber und zwar dutzendweise, Beutel, Luftballons und so weiter. Warum allerdings einige Kinder gleich mit einer ganzen Batterie Heliumballons ausgerüstet sind, die an Rucksäcken und Armen verknotet wurden, verschließt sich dem geneigten Beobachter. Will man damit das Gewicht reduzieren oder hoffen Eltern darauf, sie mögen entfliegen oder ist es um des Nächtens das Helium bei wilden Orgien zu inhalieren? Fragen über Fragen.

Auch die Parteien versuchen jedenfalls mitzuhalten.
Das Problem der AfD, die in voller Mannschaftsstärke offensiv Stellung bezogen hat, getreu dem Motto viel hilft viel und nebenbei freundschaftlich pallavernd mit den reichsdoitschen Kameraden von der NPD diskutiert: in ihren Papiertüten sind keine nützlichen Accessoirs, was dazu führt, dass überall weggeworfene AfD Tüten liegen. Prinzipiell keine schlechte Idee. Hätte die AfD auch selber drauf kommen können und ihre Propaganda direkt selber entsorgen können. Als hilfsbereiter Bürger hilft man aber natürlich gerne mit, holt sich die Tüten um sie fachgerecht der Entverwertung zuzuführen.

Das kulinarische Angebot beschränkt sich auf klassisch sächsische Spezialitäten wie Langos (Ungarn), Thüringer Rostbratwürste (Thüringen), Schweinzhaxen (genaue Herkunft unbekannt) und ungarischer Baumstrietzel, Für Vegetarier gibt es entweder Langos, der liebevoll fetttriefend auch als Polierlappen jede quietschende Tür schmiert oder wahlweise eingerosteten Ketten hilft,  oder Schupfnudeln, die entfernt an etwas essbares erinnern und preislich 100 % über der ordinären Bratwurst liegen. All das gut etrtragbar mit dem überall angebotenen Bier, dass bereits ab Morgens um 9 Uhr reichlich konsumiert wird.

Gleichwohl versuchen unzählige Ehrenamtliche für ihre Initiativen zu werben und haben dieses „Fest“ vorbereitet. Es scheitert nicht an den Menschen in Sachsen. Es gibt unzählige Ehrenamtliche, die sich einsetzen. Allein ihre Wertschätzung durch die Staatsregierung ist überschaubar.

Aber was heißt Regierung wenn man auch von Monarchie sprechen kann.

Highlight: König Stanislaw betritt die Arena (Landtagszelt) und bittet das Volk zum obligatorischen Selfie Shooting. Bitte keine Politik. Politik stört nur. Schließlich will man die Menschen auch ungern aus der Lethargie und Resignation reißen und mit Ideen belästigen, wo man sie auch mit Bier, Bierzelt und Bierbratwurst wohlgesonnen zu halten vermag.

Szenenwechsel ‚Wurzen. Irgendwo in Sachsen., gleicher Tag woanders in Sachsen
#####################################
Währenddessen demonstriert ein antifaschistisches Bündnis in Wurzen gegen den rassistischen Normalzustand in Sachsen. Bereits Tage zuvor hatte die öffentliche Debatte den Zustand der Hysterie erreicht. Da der Anmelder ein Hamburger war, fürchtete man Hamburger Zustände in Wurzen. Das es dazu nicht kommen kann, ist vor allen Dingen dem Umstand geschuldet, dass Wurzen nicht Hamburg ist. Mit ein wenig geografischen Kenntnissen hätten das, die den Weltuntergang herbei halluzinierenden Betroffenen auch Wissen können. Muss man nur wollen. Wollte aber nicht.
Gerade in Sachsen, indem es manifeste Probleme mit Rassismus gibt und kaum ein Tag ohne Übergriff vergeht, kann man schließlich noch am besten vor linken Extremisten warnen.
Klar, Sachsen ist bundesweit und international vor allen Dingen für den schlimmen Linksextremismus bekannt.
Nazis? Nazis gibt es hier keine. Wusste schon König Kurt der I. Alles andere sind böswillige Unterstellungen des imperialistischen Auslandes. Also alles außer Sachsen.

Um diese Warnung auch wirklich ernst zu nehmen wartete die eingesetzte Polizei nicht wie in Hamburg darauf, in einen vermeintlichen Hinterhalt gelockt zu werden, sondern lies quasi als Empfangskomittee das SEK aufmarschieren, mit stolz in Sonne gereckten Maschinenpistolen. Anders als in Löbau wo man die Kanonenrohre dankbar als Hintergrund für Selfies aufnahm, wurde die Maschinenpistolen nicht enthusiastisch gefeiert sondern kritisiert. Vielleicht hätte man doch besser die Panzer in Wurzen als Requisite eingesetzt. Die CDU hätte es sicher gefreut.

Ja, in Sachsen wird die Versammlungsfreiheit notfalls militant von der Polizei verteidigt und zwar gegen die sich Versammelnden. Wo kommen wir denn dahin?

Zwischendurch wird die Demo unterbrochen weil die mitgeführten Schilder nicht dem Auflagenbescheid entsprechen und man höre und staune: zu kurz sind. Jaja, in Sachsen wird genau nachgemessen. Zumindest auf einer Seite. Während bei PEGIDA gerne mal meterlange Angeln und Ruten mitgeführt werden, die die mitgeführten Devotionalien in Form von Winkelelementen möglichst formunschön zur Geltung bringen sollen und regelmäßig schulterzuckend hingenommen werden, wird in Wurzen darauf geachtet, dass alles genau, auf den Zentimeter, so viel Zeit muss sein, seine Ordnung hat.

Übrigens die Demo war friedlich. Man darf trotzdem darauf wetten, dass die sich besorgt über allerlei Zeigenden wieder einen Beleg dafür finden, dass eine antirassistische Haltung gefährlich ist.

In Sachsen ist sie das auch, gefährdet sie doch den Normalzustand.

Ach ja, die Sonne ist auch wieder untergegangen. Wenigstens das ist ok.

Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen sind nicht zufällig sondern unumgänglich.

Und warum ich das schreibe? Muss ja nicht so bleiben. Wir alle können daran was ändern.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: das ist IRONIE 1elf!!! Alles, wirklich, Ironie.

Klarstellung: Weil ich verschiedentlich darauf angesprochen wurde: Nein, es geht hier nicht um Sachsenbashing und auch nicht um die Diskreditierung der vielen Ehrenamtlichen in Löbau, die versuchen ihre Initiativen darzustellen. Es geht um eine deutliche Kritik an dem Rahmen, in dem jedwede gesellschaftliche Diskussion und politisches Engagement als unerwünscht angesehen werden und eine Kritik daran, dass eine Demonstration in Wurzen offenbar zu einem Dauerzustand von Herzrasen führt, während rechte Gruppen Tag für Tag in Sachsen Übergriffe begehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s