Sachsen, du Opfer- über eine „umstrittene Studie“

Sachsen du Opfer – über eine „umstrittene Studie“

Die Studie zu „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ hat für Wirbel gesorgt. Mit Vorstellung der Studie, die mit Fokusgruppen gearbeitet hat, entfaltete sich zunächst die Debatte über die Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland.

Dabei wurde auch schnell ein Augenmerk auf die Politik gelegt. So schreibt die Taz (…)

Vor allem zu Sachsen finden die Forscher deutliche Worte. Gerade dort gebe es ein „spürbares Bedürfnis nach einer kollektiven Identifikation mit einer möglichst positiven, moralisch ‚sauberen‘ regionalen Identität“. Es finde eine „Überhöhung des Eigenen, Sächsischen“ statt, die Fremdenfeindlichkeit ausblende – oder gar als „genuin sächsische Widerständigkeit“ auslebe. Und die Politik, vor allem der CDU, förderte dies, so die Studienautoren: Indem sie die Probleme „mit Sachsenstolz übertünchen“.

Hinzu trete, dass zu viele Politiker wegschauen würden. Wer allerdings nun annahm, dass sich darüber eine Diskussion entspannen würde, wie dem Problem zu begegnen sei hatte einmal mehr die sächsische CDU unterschätzt.

Die Reaktion der CDU

Der Generalsekretär der sächsischen CDU hielt dagegen und warnte davor Heimatliebe zu verdammen und zweifelte die Studie an.

Das Bekenntnis zur Heimat Sachsen und Vaterland Deutschland sei eine Selbstverständlichkeit. Die sächsische CDU reagierte damit so, wie man es von ihr erwarten darf: der Sachsenstolz und die Kritikunfähigkeit wurden ostentativ zur Schau gestellt und die Studie angezweifelt.

Weil man angesichts der hohen Zahlen im Bereich Rechtsextremismus und der deutschlandweit bekannten Orte Freital, Heidenau, Bautzen und Clausnitz das Problem nicht mehr gänzlich leugnen konnte, wurde ebenso betont, dass man sei eh und je eine Nulltoleranz Politik verfolgen würde. Eine Auffassung, die die CDU exklusiv vertritt.

Unsaubere Arbeit?

Allein reichte das noch nicht aus um die Ergebnisse der Studie ausreichend in Zweifel zu ziehen. So sah die Junge Union ebenso wie Kretschmer vor allen Dingen Sachsen– Bashing am Werk  . Man redet nicht mehr über die Ergebnisse sondern unterstellt Sachsen- Bashing spricht also genuin für den Freistaat. Das Problem Rechtsextremismus wird umgekehrt. Das Problem ist nicht mehr der Rechtsextremismus sondern diejenigen, die ihn ansprechen.

Die konservative Tageszeitung die Welt nannte demgegenüber die Studie „haarsträubend“ und als Zeugen der Anklage wurde abermals Kretschmer aufgefahren und der umstrittene Politik Wissenschaftler Patzelt.

Kretschmer meinte, dass man anhand von 40 qualitativen Einzelinterviews keine zulässigen Aussagen treffen könne. Es handle sich um ein politisches Machwerk um die CDU und Sachsen zu schaden.

Andere Meinungen oder Auffassungen werden von der Welt nicht wiedergegeben. Stattdessen erscheint ein weiterer Artikel abermals von der Welt, der nunmehr der Studie unsaubere Arbeit vorwirft  und meint, dass Gesprächspartner erfunden worden sein.

Abermals Kretschmer inzwischen mit Unterstützung von Bundesebene schreibt auf Facebook:

Ein unglaublicher Vorgang! In den vergangenen Tagen wurde ich für meine Kritik an der Studie beschimpft. Und jetzt das…

Aus dem Vertreter der Anklage ist das Opfer geworden, dass für seine „berechtigte“ Kritik selbst kritisiert wurde.

Das die Vorwürfe hanebüchen sind schreibt unter anderem der Spiegel. Die Wissenschaftler sahen sich genötigt eine Gegendarstellung zu verfassen.

Dabei wird klar, dass die Studie sauber gearbeitet hat aber in der Veröffentlichung bei der Zitierung formale Fehler gemacht wurden. Die Debatte aber hat sich gedreht. Diskutiert wird schon kurz nach der Veröffentlichung nicht mehr über die Ergebnisse der Studie und deren Schlussfolgerungen. Diskutiert wird jetzt darüber, ob die Studie überhaupt eine Studie ist. Auf der Anklagebank sitzen schon längst die Forscher und die Auftraggeberin. Der CDU ist es gelungen die Debatte komplett zu drehen.

Warum tun die das?

Die Studie hat aus Sicht der CDU äußerst unangenehme Fragen aufgeworfen und einen direkten Zusammenhang zwischen CDU und Rechtsextremismus aufgezeigt. Die Strategie der CDU zielte zunächst darauf ab die Wagenburgmentalität zu stärken, indem man zunächst nicht die Studie direkt angriff sondern pauschal „Sachsen-Bashing“ unterstellte. Sachsen, für das nur die CDU spricht, wird zum Opfer.

Genau die von der Studie kritisierte sächsische Überheblichkeit wird dadurch herausgekitzelt. Die CDU als „legitimer“ Vertreter Sachsens verteidigt den „Sachsenstolz“ gegen alle Anwürfe, egal ob sie berechtigt sind oder nicht.

Im nächsten Schritt wird die Wissenschaftlichkeit der Studie generell in Frage gestellt und die eben erwähnte Selbstviktimisierung (aus den Tätern ist das Opfer geworden) wird vorangetrieben.

Die Wissenschaft ist in der Defensive. Im Ergebnis ist es der CDU gelungen mit gezielten Kampagnenjournalismus die Glaubwürdigkeit der Studie soweit zu erschüttern, dass die Ergebnisse jedenfalls keine Strahlkraft mehr entfalten können.

Mit ausgeprägter Intellektuellenfeindlichkeit hat man Wissenschaftler diskreditiert. Die Aussagen von Kretschmer machen nämlich vor allen Dingen eins deutlich: er hat die Studie nicht gelesen und keine Ahnung vom Unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Untersuchungen.

Das Ergebnis ist jedenfalls die Stärkung der Wagenburgmentalität und eine bequemer Umgang mit kritischen Forschungsergebnissen. Diese müssen nämlich nicht mehr diskutiert werden.

Dieses Verhalten ist übrigens auch einer der Gründe warum der Rechtsextremismus hier so gedeihen kann, wie auch die Studie feststellt. Es fehlt an Fehlerkultur, offenen Diskussionen, ergänzt durch ein Nichthandeln wollen und einer offensiven Entpolitisierung. Der Bürger soll dumm bleiben, so lange die CDU regiert.

Im Prinzip handelt die CDU genauso, wie es die Studie beschrieben hat. Kretschmer belegt mit seinen Äußerungen die Richtigkeit der Feststellungen. Allein sind die Zweifel da und die sind meist wirkmächtiger als die Wahrheit.

Die Taktik nach der etwa autoritäre Regime gern arbeiten besteht darin bestehende Fakten so lange in Zweifel zu ziehen bis sich die Öffentlichkeit abwendet.

 

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